Sonntag, 11. April 2010

The Life and Death of a Porno Gang (2) - Review von Jochen Werner

"Ein bizarres Spektrum sozialer Outcasts findet sich im Zeichen der freien Liebe und deren künstlerisch-kommerzieller Verwertbarkeit zusammen. Abgewrackte Pornodarsteller, Drogensüchtige, ein aidskrankes schwules Pärchen, ein zoophiler Transvestit – gleichwohl allesamt mit sehr zärtlichem Blick eingefangen und ernstgenommen in ihrem Versuch, dem korrupten Apparat zu entrinnen und ein hippieeskes Leben als sexuelle Bohème zu beginnen
Ein Werk von brutalster Wucht, voll von Tabubrüchen in der ungeschminkten, bewusst grenzüberschreitenden Darstellung von Akten extremer Sexualität wie extremer Gewalt."
Jochen Werner über The Life and the Death of a Porno Gang

Jochen Werner
ist Filmjournalist und gehört zum Redaktionsteam des
Online-Filmmagazins F.LM - Texte zum Film. Seit 2007 ist er auch einer der Kuratoren des PornFilmFestival Berlin. Für den Filmfachmann ist die Pornografie eine noch offene Form mit viel Potenzial für Entwicklungen. Solche Eigenschaften findet man in der Kultur sonst nicht. Der Filmjournalist erkennt in der alternativen Pornografie zwei unterschiedliche Stömungen. Die eine setzt beispielsweise auf mehr Handlung, die anderen ist experimentell ausgerichtet. „Die Experimentellen haben gute Chancen sich durchzusetzen“, lautet seine interessante Prognose.

Jochen Werner hat sich intensiv mit dem Film The Life and Death of a Porno Gang beschäftigt. In einer ausführlichen Rezension geht er dem Anliegen des Films auf den Grund. Und er hat mit dem serbischen Filmemacher Mladen Djordjevic ein Gespräch über dessen Film geführt. Review und Interview werden im Blog vollständig veröffentlicht.
Hier ist die Review von Jochen Werner aus F.LM:

Serbien, postapokalyptisch

The Life and the Death of a Pono Gang

(Zivot i smrt porno bande, Serbien 2009, Mladen Djordjevic)

Review von Jochen Werner

Marko ist ein junger, ambitionierter Filmschüler und will eigentlich Kunstfilme machen. Nicht als gefälliges Arthousekino, sondern in Horror- und Science-Fiction-Stoffe verpackt die nationalen Mythologien Serbiens erkundend. Natürlich findet er für seine ehrgeizigen Projekte keine Finanziers, und so nimmt er, was er bekommen kann: zunächst einmal das Geld des schmierigen Pornoproduzenten Cane. Damit inszeniert er einen surreal-prätentiösen Kunstpornofilm, der bei seinem Auftraggeber und dessen Kompagnon, einem skrupellosen Polizisten, auf wenig Begeisterung stößt. Marko wird gefeuert, bedroht und schließlich brutal zusammengeschlagen. Darauf entschließt er sich zu einem Medienwechsel und begründet das erste serbische Porno-Theater. Noch während der Premiere von der Polizei zerschlagen, entschließt sich die bunte Truppe um Marko herum schließlich, auf Tournee durch die Dörfer des ländlichen Serbiens zu gehen.

Bereits am Anfang verankert Regisseur Mladen Djordjevic, der bereits in dem Dokumentarfilm „Made in Serbia“ (2005) die traurigen Realitäten der serbischen Pornoindustrie erforschte, seinen ersten fiktionalen Film tief in der Gegenwart seines vom Krieg verwüsteten und traumatisierten Landes: Den ersten Pornodreh absolviert Marko, während die Bomben des Kosovokrieges auf Belgrad fallen, und alles Folgende ist stets vor dem Hintergrund einer geradezu postapokalyptischen Nachkriegszeit zu sehen. Dabei zielt das Personal von „The Life and Death of a Porno Gang“ zunächst einmal auf Allgemeingültigkeit ab: Ein bizarres Spektrum sozialer Outcasts findet sich im Zeichen der freien Liebe und deren künstlerisch-kommerzieller Verwertbarkeit zusammen.

Abgewrackte Pornodarsteller, Drogensüchtige, ein aidskrankes schwules Pärchen, ein zoophiler Transvestit – gleichwohl allesamt mit sehr zärtlichem Blick eingefangen und ernstgenommen in ihrem Versuch, dem korrupten Apparat zu entrinnen und ein hippieeskes Leben als sexuelle Bohème zu beginnen. Dieses ist freilich von vornherein zum Scheitern verurteilt: Die Bewohner der bereisten Dörfer beschimpfen, verlachen und verjagen die „Porno Gang“, und schließlich kommt es zur Eskalation. Zunächst (erneut) in Polizeigewahrsam genommen und auf barbarische Weise gefoltert und gedemütigt, trifft die zur Weiterreise gedrängte Truppe im Wald auf einen bewaffneten Mob von Bauern. In einer Sequenz von animalischer Gewalt werden alle Protagonisten von den entfesselten Dörflern brutal vergewaltigt, Männer wie Frauen, homo- wie heterosexuell, ganz egal. Dieser Moment ist auch ein Umschlagpunkt des Films: Die sexuelle Utopie, so überspitzt und campy sie hier auch gezeichnet war, ist nun endgültig gescheitert, das rohe, hässliche Leben dringt in die Künstlerträumereien ein und zerstört sie, unwiederbringlich. Der Moment der Demütigung, der gewaltsamen Aneignung der Körper und der künstlerischen Ideen, die an ihnen und ihrer Befreiung aufgehängt wurden, ist dabei auch ein Moment der Erkenntnis: Während sie noch von den viehischen Vergewaltigern anal penetriert werden, verzerren sich die von Schmerz gezeichneten Gesichter der erniedrigten Protagonisten zu einem brüllenden Lachen – ein Moment, der das Blut gefrieren lässt. Aus der aus den sozialen Fesseln herausgelösten Lebensfreude, die sie in liberalem Sex und absoluter Toleranz gegenüber jeder Form sexueller Normabweichung auf die Bühne bringen wollten, ist hier etwas zutiefst Verzweifeltes geworden. Die Wirklichkeit hat sie eingeholt und unterworfen, und sie ist grausam.

Mit dieser Niederlage der Ideale, unter denen Marko die Porno Gang ins Leben rief, ist der Weg gebahnt für die folgende Entwicklung, die seine Helden ebenso wie den Film selbst immer weiter dem Herz der Finsternis entgegentreibt: Marko trifft auf den Deutschen Franz, der einst als Kriegsberichterstatter mit selbstgedrehten Videos von Genozid und Massaker ein lukratives Geschäft auftat und dieses nun, als Produzent von Snuff-Filmen, professionalisiert hat und mit äußerstem Erfolg auch in der Nachkriegszeit weiterführt. An willigen Opfern für seine Filme mangelt es nicht: vom Krieg körperlich und seelisch verkrüppelte Lebensmüde, von Schuldgefühlen zerfressene Kriegsverbrecher, und schließlich auch einfache, arme Menschen, die mit der an die Hinterbliebenen gezahlten „Gage“ für ihre Familien sorgen wollen und die nichts mehr zu geben haben als ihr eigenes Leben. Franz bietet Marko an, einen entscheidenden Schritt weiter zu gehen: „Die Pornographie bleibt, der Tod kommt hinzu.“ Er könne der erste Künstler des Snuff werden, so Franz, und Marko kann auf Dauer nicht widerstehen. Schon früh im Film legt er die Ursache seiner Faszination an der Pornographie dar: den Kampf zwischen Eros und Thanatos, dem Liebes- und dem Todestrieb, den Thanatos in letzter Konsequenz für sich entscheide. Somit ist für Marko, den zunächst noch vorgeschützt edlen Motiven zum Trotz – Geld verdienen, um damit dann »das Richtige zu tun« –, der Weg zum Snuff ebenso konsequent vorgezeichnet wie für Franz jener von den Hinrichtungen des Krieges zu den Hinrichtungen des Friedens.

Die folgenden, als äußerst blutige set pieces in Szene gesetzten Morde und die darüber sich ereignende Zersetzung der Gruppe setzt Mladen Djordjevic in dokumentarischem Gestus in Bilder von einer rohen Unmittelbarkeit um, wie man sie in einer solchen Drastik schon lang nicht mehr auf einer Kinoleinwand gesehen hat. „The Life and Death of a Porno Gang“ ist nichts anderes als die Wiedergeburt des sozialkritischen Splatterkinos im Geiste der frühen Hooper, Romero und Craven – und zusammengedacht mit einer europäischen Kunstfilmtradition. Das Ergebnis ist ein Werk von brutalster Wucht, voll von Tabubrüchen in der ungeschminkten, bewusst grenzüberschreitenden Darstellung von Akten extremer Sexualität wie extremer Gewalt. Wie ein Faustschlag in die Magengrube kommt dieser kompromisslose Debütfilm daher, brennt sich vorerst unauslöschlich in die Erinnerung ein und schlägt in seiner fast körperlich spürbaren, aus politischem Bewusstsein wie Exploitation-Kinotradition befeuerten Dringlichkeit vielleicht gar, kurz vor dem Ausklingen der Dekade, ein neues, aufregendes Kapitel in der Kinogeschichte auf.

Der Text ist erstmals erschienen im Splatting Image Nr. 80 (Dezember 2009). Er wurde im F.LM am 20.01.2010 gepostet.

Quelle:
http://www.f-lm.de/2010/01/20/serbien-postapokalyptisch/

Nach den bisherigen Infos scheinen beide Filme von Mladen Djordjevic "The Life and the Death of a Porno Gang" und "Made in Serbia" kontrovers und anspruchsvoll zu sein. Jedenfalls weckt die Renzension die Neugier auf die Streifen. Ein Kinostart oder DVD Veröffentlichung in Deutschland ist derzeit nicht bekannt.

Mein Dank gilt dem Autor Jochen Werner, mit dessen freundlicher Einwilligung Review und Interview hier im Blog vollständig veröffentlicht werden. - Imagination

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