Sonntag, 28. November 2010

Gaspar Noes Sex-Inszenierungen (1) - Irreversible (2002)

An Gaspar Noé scheiden sich die Geister. Manche bezeichnen den 1963 in Buenos Aires geborenen Filmemacher als das enfant terrible des französischen Films. Andere bewundern ihn als den größten Film-Provokateur der Gegenwart. Die einen hassen und die anderen lieben ihn bedingungslos. Ohne Zweifel hat er sich mit seinen umstrittenen Werken MENSCHENFEIND (1998) und IRREVERSIBEL (2002) in Europa einen Ruf als Skandal-Regisseur erworben.
Ein typisches Markenzeichen von Gaspar Noés Filmschaffen, ist die ungefilterte Darstellung von Sex und Gewalt. Selbstbewusst hat er sich dabei als Voyeur geoutet, der den Fokus der Kamera bevorzugt auf explizite sexuelle Handlungen richtet. Die tabulose Konfrontation des Zuschauers mit extremer Gewalt und hemmungslosem Sex empört regelmäßig die internationale Filmwelt.
Jetzt ist sein neues Werk ENTER THE VOID (2010) in den Kinos angelaufen und sorgt wie nicht anders erwartet für Diskussionen. Aus diesem Anlass stellt REAL SEX MAINSTREAM die sexuellen Film-Ideen von Gaspar Noe vor und dokumentiert einge ausgewählte Sex-Inszenierungen des Regisseurs.

Gaspar Noes Sex-Inszenierungen -
1. Irreversibel (2002)

Sex-Akzentuierungen
In der ungewohnten Erzählstruktur von IRREVERSIBEL - vom Ende zum Anfang - hat Gaspar Noe diverse Sex-Akzentuierungen vorgenommen. Sie können mit folgenden Stichworten verdeutlicht werden: Liebespaar, Homosexualität, Neckischer Liebes-Sex, Schwuler Gewalt-Sex, Pornografie, Masturbation, Anal-Penetration, Vergewaltigung. Handlungsorte der Sex-Szenen sind Wohnung und Bett des Liebespaares, ein dunkler Tunnel und der schwule S/M Sex-Club Rectum.

IRREVERSIBEL -
Kurze Zusammenfassung
(von Daniel Winter)
Zum besseren Verständnis wird die Geschichte in ihrer chronologisch richtigen Reihenfolge erzählt. Alex, ihr Freund Marcus und ihr Ex-Freund Pierre gehen auf eine Party. Dort kommt es nach einer Weile zum Streit zwischen Alex und Marcus, weil sie mit dem Verhalten des betrunkenen Marcus unzufrieden. Alex verlässt die Party alleine und wird in einer Unterführung Zeuge, wie ein Mann, sein Spitzname ist Le Ténia, eine (vermeintliche) Frau schlägt. Als Alex die Passage verlassen will, hält Le Ténia sie fest und bedroht sie mit einem Messer, dann vergewaltigt er sie. Anschließend tritt er mehrere Male auf sie ein. Als Marcus und Pierre die Party verlassen sehen sie einen Krankenwagen neben der Unterführung und sehen, dass Alex Opfer einer Vergewaltigung geworden ist. Zwei Männer, die eine Art selbsternannte Bürgerwehr darstellen, wollen Marcus und Pierre bei der Suche nach dem Vergewaltiger helfen. Sie spüren zuerst die Frau, welche Le Ténia in der Passage geschlagen hatte, auf, welche sich als transsexuelle Prostituierte entpuppt. Sie gibt den Tipp, Le Ténia in der Schwulen-Sexbar Rectum zu suchen. Marcus und Pierre suchen im Rectum nach dem Vergewaltiger und als Marcus einen Mann (fälschlicher Weise) für Le Ténia hält, kommt es zur Auseinandersezung, in welcher der Mann Marcus einen Arm bricht und daraufhin Pierre den Mann mit einem Feuerlöscher erschlägt.

Daniel Winter untersucht in seiner Analyse von IRREVERSIBEL die Narration und die Männlichkeiten des Films und erkennt in der filmischen Darstellung die symbolische Vergewaltigung der Familie.
REAL SEX MAINSTREAM zitiert mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers einige Passagen aus "Transgression - Körperlichkeit - Evidenz. Zur Rolle des Pornographischen im narrativen Film" am Beispiel von IRREVERSIBEL.
Seine vollständige Hausarbeit für die Masterprüfung der Fakultät für Philologie an der Ruhr-Universität Bochum kann hier aufgerufen und heruntergeladen werden. Die Analyse von IRREVERSIBEL steht auf den Seiten 47 - 53.
Quelle:

Geschlechtsverkehr vaginal und anal
Ein Grundthema von IRREVERSIBEL ist es, Vaginalverkehr und Analverkehr gegenüberzustellen. Erster führt zu neuem Leben, zweiter bringt nicht nur kein neues Leben, sondern führt auch zum Tod. In IRREVERSIBEL wird Homosexualität zu einer Sexualität zum Tode – dies wird über den Analverkehr hergestellt, welcher zwar durchaus heterosexuelle Praxis ist, aber im dominanten Diskurs mit Homosexualität gleichgesetzt wird.

Pornographische Bilder als filmische Stilmittel
Schwuler Sex im S/M Sex-Club wird als äußerst gewalttätig gezeigt. IRREVERSIBEL setzt die Penetration des Fleisches mit dem Messer mit der Penetration des Anus mit dem Penis gleich. Die pornographischen Szenen bringen die – schwule, gewalttätige – Lebenssituation von Le Ténia in Verbindung mit der Vergewaltigung. Es ist auch wichtig festzuhalten, dass Alex von Le Ténia anal vergewaltigt wird.

REAL SEX MAINSTREAM stellt vor

Im Folgenden werden einige Sex-Szenen von IRREVERSIBEL vorgestellt. Sie veranschaulichen Gaspar Noes Präferenz für direkte und explizite sexuelle Darstellungen. Die ausgedehnte Liebesszene am Ende des Films ist ein positives Beispiel für explizite Nacktheit und spielerischen Sex auf der Leinwand. Monica Bellucci und Vincent Cassel überzeugen dabei als Liebespaar durch ihre natürliche und lockere Performance. Die authentische Wirkung ihres Agierens vor der Kamera ist nicht allein ihrer schauspielerischen Leistung zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass sie im wirklichen Leben ein Ehepaar sind. Die ca. 14-minütige Liebes- und Sexszene ohne Hardcore Akzente ist ein echtes Highlight und wird von RSM ausführlich dokumentiert.

Die folgenden Text-Reflexionen stammen ebenfalls von Daniel Winter und sind wie bereits oben zur Kennzeichnung kursiv wiedergegeben.

Neckischer und verspielter Vaginalsex [*] - Liebe und Schwangerschaft

Die vorletzte Szene zeigt das verliebte Paar Alex und Marcus in ihrer Wohnung. Es ist alles hell ausgeleuchtet und das Benehmen der beiden hat eher etwas Verspieltes als Erotisches. (Das extra-filmische Wissen, dass Monica Belucci und Vincent Cassel verheiratet sind, erhöht eine Authentizitätswirkung.) In dieser Szene erfährt der Zuschauer, dass Alex schwanger ist. In der Chronologie des Films entsteht hier natürlich ein dramatisches Moment, da der Zuschauer bereits weiß, dass Alex vergewaltigt werden wird und es nicht möglich ist, dass das ungeborene Kind diese körperliche Gewalt überlebt – es ist ja noch nicht einmal klar, ob Alex überlebt. Die starke Symbolik dieser Szene (das sanfte Licht) und die letzte Szene, in welcher die Kamera über Alex schwebt, welche auf einer Wiese neben spielenden Kindern liegt, hebt diese weibliche Figur in eine überhöhte Repräsentation des Weiblichen, in diesem Fall in das Bild der Mutter und Heiligen. Man sieht in der Figur der Alex im Film eine Transformation (im Verlauf des Films; entgegen der richtigen Chronologie) vom Sexualobjekt (sie ist eindeutig erotisiert dargestellt in ihrem weißen Kleid, das vor allem ihre Brüste betont) zur Mutter (nach der Partyszene trägt sie eine Strickjacke, die ihre Brüste bedeckt und in der letzten Szene trägt sie schließlich ein Kleid mit Blumenmuster, wodurch die Verbindung von Frau und fruchtbarer Natur hergestellt wird). Komplizierend kommt allerdings hinzu, dass diese Transformation in beide Richtungen gelesen werden kann; in dieser Analyse wird allerdings ein Augenmerk darauf gelegt, welche Lesart die Narration (und nicht die nachträgliche Reorganisation der Geschehnisse) nahe legt.
[* Die Sexszenen zeigen kein explizites Eindringen des Penis in die Vagina, sind aber spielerische Andeutungen einer vaginalen Penetration.]

Monica Bellucci & Vincent Cassel
ein glückliches Ehepaar im realen Leben

und ein Liebespaar in IRREVERSIBEL
gefesselt von leidenschaftlicher Liebe

Kapitel 13 - Liebe
Neckische Liebesspiele von Alex und Marcus


Poster: What's Love? - Was ist Liebe?

Alex und Marcus schlafen splitternackt im Bett

Alex: "Es ist wegen meiner Periode. Ich bin überfällig."

Alex: "Es sind immer die Frauen, die alles entscheiden."

Marcus: "Bäh, bäh bäh."


Marcus: "Du entscheidest und du zahlst."


Marcus: "Ich werde dir die Rache des Elefanten zeigen."


Alex: "Hör auf."

Marcus: "Die Rache des rasenden Elefanten."

Elefantengeräusche

Alex: "Dann werde ich mich auch rächen - mit einem Kuss."

Neckisches Spucken

Wälzen auf dem Bett

Marcus schreit auf

Marcus: "Scheiße, verdammt, das waren meine Eier."

Alex: "Ich hab' doch nichts gemacht."

Alex: "Ehrlich, hab ich dir wehgetan?"
Marcus: "Du hast mir voll die Eier gequetscht, Alex."

Neckisches Spucken

Alex: "Iiii, du bist ein Schwein."

Alex: "Das ist echt eklig."



Marcus: "Cool."


Alex: "Steh jetzt auf und mach Kaffee."


Marcus beißt in einen Apfel - Symbol der Verführung


Alex: "Machst du ein bisschen Musik?"

Genussmittel Zigarette

Marcus: "Weißst du was?" - Alex: "Was?"

Marcus: "Ich hab Lust dich in den Arsch zu ficken."

Alex: "Nein, da geht jetzt gar nichts."

Alex: "Hör auf."



Liebkosungen ...


... und neckische Liebesspiele im Bett


Marcus: "Ich liebe dich."

Alex: "Ich dich auch."

Liebesküsse


Mit allen Sinnen ...


... die Fleischeslust genießen


Alex: "Sag mal, wenn ich schwanger wär."

Marcus: "Das wär nicht schlecht."

In der Dusche


Liebesküsse




Spieglein, Spieglein an der Wand ...

Schwangerschaftstest

Alex ist schwanger

Poster über Alex:
the ultimate trip
Stanley Kubricks 2001 - A Space Odyssey

Der Schoß der Familie

Brutaler und pervertierter Analsex - Die Vergewaltigung

Die Vergewaltigung von Alex durch den (schwulen) Vergewaltiger wird zur Schändung der Mutter (und der Nation) und dadurch zum Angriff auf die phallische Ordnung (die Weitergabe der Kultur des Vaters über die Mutter an den Sohn). Man kann an dieser Stelle folglich sagen, dass der Film keine sexuelle Gewalt gegen eine (konkrete) Frau zeigt, sondern eine Vergewaltigung an höheren Idealen inszeniert. Marcus und Pierre rächen daher nicht nur eine sexuelle Gewalt gegen eine Frau, sondern die Vergewaltigung der Mutter/Nation, wodurch der Film in gewisser Weise ihr gewalttätiges Vorgehen in Schutz nimmt – es sind schließlich die Grundpfeiler der Kultur gefährdet. Einer dieser Grundpfeiler ist die Familie (Vaginalverkehr) – und diese wird durch die Homosexualität (Analverkehr) bedroht. Oder andersrum ausgedrückt: mit Foucault lässt sich das Verhältnis dahingehend ausdrücken, dass die Homosexualität (die Einpflanzung der Perversen) die Heterosexualität und Familie etc. erst konstituiert (Macht ist hier also produktiv).

Kapitel 10 - Tunnel
Die brutale Vergewaltigung von Alex


Medial inszenierte Evidenz: Schmerz

Pornographischer Rahmen

IRREVERSIBEL zeigt neben den selbst inszenierten pornographischen Szenen auch, dass in dem Schwulensexclub Rectum im Hintergrund pornographische Filme laufen. In der ca. 10-minütigen Szene im Rectum sieht man über ein Dutzend mal Schwulenpornos im Hintergrund auf Leinwänden oder Fernsehgeräten. Dass sich diese aus der Narration herleiten lassen, steht außer Frage. Was jedoch für die Medialität des Film von wichtigerer Bedeutung ist, ist die Tatsache, dass es durch den Verweis zu einer Diffusion zwischen den pornographischen Zitaten des Films selbst (also die inszenierten Sexszenen von IRREVERSIBEL) und den im Film zitierten ‚echten’ Pornofilmen kommt.

Kapitel 4 - Rectum
Marcus auf der Suche im Schwulensexclub

Masturbation - Gaspar Noes Kurz-Auftritt im Rectum

Aufgrund seiner tradierten negativen Repräsentation des Schwulen im Film wurde IRREVERSIBEL stark kritisiert. Auf der einen Seite versucht der Regisseur die schwulenfeindliche Aussage seines Films zu mildern, indem er sich selber im Rectum masturbierend zeigt (was eine sehr naive Vorstellung ist), und zum anderen ist der Film aber auf die einseitige Repräsentation des Schwulen als gewalttätiger Perverser angewiesen, um dem Film überhaupt Sinn zu geben. Die negative Repräsentation von Homosexualität ist in diesem Film untrennbar mit der positiven Repräsentation der Heterosexualität verbunden.

Gaspar Noes Cameo-Auftritt im Rectum

Der Regisseur zeigt das er das Do It Yourself beherrscht

Masturbieren ist im Rectum Normalität

IRREVERSIBEL und Pornographie

In IRREVERSIBEL wird zu dem bereits Erwähnten auch eine interessante Beziehung des Films zum pornographischen Film deutlich. Dies gar nicht mal so sehr durch die pornographischen Szenen (im Rectum) selber, die schließlich dazu dienen, den Vergewaltiger zu charakterisieren. Stattdessen zeigt sich, dass der Film auf der Suche nach Wahrheiten über die weibliche Sexualität ist. Auf der Fahrt zur Party fragt Pierre, ob Alex mit Marcus Orgasmen hat. Alex erwidert, dass jede Frau einen Orgasmus haben kann, es lediglich daran liegt, ob der Mann ordentlich „bumsen“ kann. Hier wird der (phallische) Diskurs dahingehend reproduziert, als dass es also bei der weiblichen Lust auf Penetration und die ‚Fertigkeiten’ des Mannes ankomme. Auf der einen Seite durch die Aussage von Alex und auf der anderen Seite – und dies scheint in dieser Analyse von größerer Bedeutung – durch den Film selbst: nämlich in der Vergewaltigungsszene. Auch wenn die Vergewaltigung in ihrer Brutalität nicht verschönert wird und der Film versucht, eine voyeuristische Identifikation mit dem Vergewaltiger zu verhindern (Kamerawinkel, Dauer der Szene), dient diese Szene doch dazu, Emotionen (in diesem Fall Schmerz anstatt Lust) der Frau ‚hervorzurufen’ und zu visualisieren. Die inszenierte Evidenz der Schmerzen der Frau beim (erzwungenen) Geschlechtsverkehr in IRREVERSIBEL sind somit eng mit der Programmatik der inszenierten Evidenz der Lust der Frau beim Geschlechtsverkehr im pornographischen Film verwandt.

Herzlichen Dank, Daniel Winter,
für die freundliche Erlaubnis
zur Veröffentlichung der IRREVERSIBEL-Analyse!
Quelle: http://www.daniel-winter.net/010307.php

Von Marcus Stiglegger, Publizist und Filmwissenschaftler, stammt der Text des Booklet in der Kino Kontrovers DVD Edition IRREVERSIBEL. Eine lesenswerte Review von ihm endet mit dem Fazit: "Mit seinem Film IRRÉVERSIBLE hat Gaspar Noé einen der radikalsten und existenziellsten künstlerischen Kommentare zum Zusammenhang zwischen Leben, Film und Zeit geschaffen, der heute denkbar ist. Insofern handelt es sich bei IRRÉVERSIBLE um einen der gegenwärtig wichtigsten, innovativsten und eindrucksvollsten Filme schlechthin."
Vollständige Review:
http://www.ikonenmagazin.de/rezension/Irreversible.htm

Filmclip 1 - Irreversible - Liebe Teil 1

video

Link zum Download - Irreversible - Liebe Teil 1

Filmclip 2 - Irreversible - Liebe Teil 2

Link zum Download - Irreversible - Liebe Teil 2

Ist Gaspar Noe homosexualitätsfeindlich oder schwul?

Masturbation als Ausdruck der Sympathie mit Schwulen

In einem SPEAKEASY-Interview des Wall Street Journal wurde Gaspar Noe nach seinem Verhältnis zu Homosexualität gefragt:

SPEAKESAY: You're the only director I know of whose films have been accused of homophobia and also got people wondering if you're guy.

GASPAR NOE: I’m not homophobic. I’m not gay, either. I’m not even bisexual, but I’ve come close to gay situations in my life. We shot the opening scenes of “Irreversible” in a real gay club, with the usual patrons. For me, when I shot “Irreversible,” I wanted the movie to start in an all-male space and end with a woman alone. I chose between shooting the opening scenes in a military barracks or a gay bar. I wanted it to be men against men. There’s a gay drug dealer in “Enter the Void.” I wanted to play the part. At the last moment, I met an English teacher in London who was so good that I gave him the part and lost my cameo. I also appear in “Irreversible,” masturbating at the gay club. I inserted it after the rest was shot. My father saw it and asked “What are you doing?,” but I was trying to say that I didn’t feel superior to gays.

Vollständiges Interview:
http://blogs.wsj.com/speakeasy/2010/09/21/enter-the-void-director-gaspar-noe-talks-sex-drugs-and-narrative-cinema/

Anmerkungen
Daniel Winter hat in seiner Analyse treffend den Gegensatz von positivem Vaginalsex und negativem Analsex dargestellt, den Gaspar Noe in IRREVERSIBEL eindrucksvoll - wenn auch nicht explizit - inszeniert hat. Diese Vorgabe des Films versucht RSM in Wort und Bild authentisch zu dokumentieren.

Neben dem Kontrast vaginal - anal, hell - düster, locker - verkrampft, spielerisch - brutal, friedlich - gewaltsam, überzeugt die Liebes- und Sexszene vor allem durch ihre Natürlichkeit und Leichtigkeit. Die neckische Intimität, die Monica Bellucci und Vincent Cassel authentisch darstellen, atmet eine große Freiheit. In diesem Freiraum verkörpern die beiden Agierenden auf spielerische Weise die Einheit von Liebe und Sex. Gaspar Noe hat damit ein Highlight inszeniert, das in gelungener Weise Sex als Ausdruck von Liebe zeigt.

Den Vorwurf, IRREVERSIBEL stelle Homosexualität negativ dar und setze sie mit Gewalt und Perversion gleich, versucht der Regisseur mit Hinweis auf seinen Cameo-Auftritt zu wiederlegen. Die Szene, in der Gaspar Noe in der S/M Bar Rectum kurz beim Masturbieren zu sehen ist, soll deutlich machen, dass er sich Homosexuellen gegenüber nicht überlegen fühlt. Diese Argumentation ist nicht überzeugend. Denn Onanieren ist kein Privileg von Homosexuellen, sondern wird auch von Heterosexuellen praktiziert. Dennoch kann man Noes Selsbtbefriedigungsszene als Zeichen der Sympathie deuten mit Schwulen und mit allen, die auf Partnersuche sind und die ihre Sehnsucht nach Liebe und Sex mit Do It Yourself ausdrücken. Die Masturbation hat Gaspar noe noch einmal explizit in seinem ca. 17-minütigen Kurzfilbeitrag für DESTRICTED thematisiert.

In Planung: Gaspar Noes Sex-Inszenierungen: 2 - DESTRICTED - WE FUCK ALONE 3. ENTER THE VOID - Demnächst hier in RSM.