Freitag, 28. Januar 2011

Sex und Subversion (4) - „Anspruchsvolle Inspirationen und spritziger Genuß für pornophile Herzen“ - Review von Count Lacoste

Bei seinem Streifzug Per Anhalter durch die Pornolandschaft findet Oliver Demny vielfältige Spuren expliziter sexueller Darstellungen zu allen Zeiten und in allen Kulturen:
Pornografie ist so alt wie die Menschheit, existiert von Anbeginn der überlieferten Geschichte, seit grauer Vorzeit, als Höhlenmalerei, auf Papyrus, auf antiken Vasen. Wenn sich Menschen darstellen, in Bild und / oder Wort, auf der Bühne oder in Büchern, gab es immer auch die Thematisierung des Körpers und seiner Gelüste. Von daher gab es das Genre Pornografie selbstredend auch seit Anbeginn im Medium Film; ja, es ist wohl sein größtes.
Porno geht aber nicht nur eine Verbindung mit dem Mainstream ein, er hatte schon immer Berührungspunkte mit der Kunst. Diese Berührungspunkte nehmen zu, weisen auf den Porno selbst zurück. Eine Reihe von Pornofilmfestivals versuchen, gute, alternative, kreative, »andere« Pornos zu präsentieren.“
Die Symbiose der Pornografie mit Lebenskultur, Kunst und Medien findet in unzähligen Filmen, Bildern und Worten ihren dokumentarischen Niederschlag. Im Band Sex und Subversion wird sie mosaikartig zum Leuchten gebracht und aus vielfältigen Perspektiven reflektiert.

Sex und Subversion
Pornofilme jenseits des Mainstreams

Oliver Demny / Martin Richling (Hg.)
Sex und Subversion
Verlag Bertz+Fischer
Artikelnummer 978-3-86505-312-1
Preis 19,90 Euro

REAL SEX MAINSTREAM Autor Count Lacoste hat das Opus gelesen und gibt einen informativen Überblick. In seiner Rezension zeigt er den interessierten Fans von Pornofilmen jenseits des Mainstreams, was das subversive Kino alles zu bieten hat. Sinnlicher und leidenschaftlicher Sex, explizit und lustvoll ausgelebt, wird in seinen vielfältigen Spielarten kreativ, handlungsorientiert und experimentierfreudig dem begierigen Leser dargeboten.

Anspruchsvolle Inspirationen
und spritziger Genuß
für pornophile Herzen

Review von Count Lacoste

Inhalt
Den Anfang macht Oliver Demny mit seiner Einleitung „Per Anhalter durch die Pornolandschaft“, wobei er den Leser auf einen Streifzug durch die Geschichte des pornographischen Films mitnimmt. Erwähnt werden dabei auch Klassiker wie Das Schweigen" von Ingmar Bergmann, Das große Fressen" von Marco Ferreri oder auch Just Jaeckins „Geschichte der O".

The Good Old Naughty Days? -
Französische Pornos aus den Flegeljahren des Genres
Matthias Steinle beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den alten französischen Pornofilmen (The good old naughty Days, Polissons et Gallipetes, 2002), die in den Zwanziger Jahren gedreht wurden. Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass diese Kurzfilme damals als pädagogischer Zweck angesehen wurden. Die Filme liefen in den besseren Bordellen als Lehrmaterial, gekoppelt mit den Öffnungszeiten des örtlichen Gottesdienstes. Nach der Messe begaben sich Onkel und Neffe in die Lehranstalt um dort die Freuden der Sexualität zu erkunden. Steinle beschreibt auch treffend die Kehrseite der Medaille und die herrschende Doppelmoral in der damaligen Zeitepoche. Die Freuden des Sexus waren ausschließlich nur den Männern vorbehalten. Die Frauen hatten sich ihrem erbärmlichen Los als Lustsklavinnen oder Hausfrau zu fügen.

Der Autor Andre Schwarz macht literarisch einen Zeitsprung nach hinten. Es ist der Skandalroman der Wiener Hure „Josefine Mutzenbacher“, die er in seinem Essay behandelt.

»Ich spielte einfach die Komödie mit ...«

Vielen Pornokonsumenten dürfte der Film von Hans Billian nicht unbekannt sein. Bis vor kurzem dachte ich jedoch, dass die Mutzenbacher keine fiktive Figur wäre, sondern wirklich dieses Buch geschrieben hätte. In diesem Text erfährt der interessierte Leser mehr über die Hintergründe, über die Entstehung des Romans, der für Aufruhr in der damaligen Literaturszene in Wien sorgte. Ein renommierter Autor wie Schnitzler musste dementieren. Als mutmaßlicher Autor gilt wohl Felix Salten, der wie wir in Herrn Schwarz' fundierter Recherche erfahren, in Sachen erotischer Literatur kein unbeschriebenes Blatt war.

Billians Film über die Mutzenbacher hält sich mehr oder minder an Saltens Literaturvorlage. Andre Schwarz bemerkt am Ende seiner Kritik, das Billian sich durchaus an die Vorgabe gehalten hat, aber bei weitem nicht die Dichte des Buches erreicht.


»Heal Ze World!!!« -
Die merkwürdigen Filme des Eduardo Cemano
Der Beitrag von Christian Kessler handelt von dem Ausnahmekünstler Eduardo Cemano aus der New Yorker East-Cost Fraktion, einem Pornoregisseur der ersten Stunde, der mit experimentellen Erotikfilmen glänzte. Hierbei handelt es sich um seine Filme Millie’s Homecoming", The Healers", Fongalulli" und Madame Zenobia".

Cemano hatte eine andere Sicht auf die Körper, als die konventionellen Pornofilmer. Auf Seite S.49 schreibt Kessler:
Nichts was in Fongalulli zu sehen ist, wirkt nur im Mindersten anstößig. Anders als in den verklemmten Sexklamotten, die zu jener Zeit in Deutschland produziert wurden, erfüllt der farcenhafte Humor nicht den Zweck, die bedrohliche Sexualität zu entmachten und einem gleichsam verklemmten Publikum anzudienen, sondern er betont die spielerische Heransgehensweise.“

Anscheinend lag dem deutschen Publikum solch derbe Kost, wie die „Schulmädchen-Report Reihe“. Und der Herausgeber Oliver Demny schreibt in seiner Einleitung des Buches, dass der Produzent Wolf C. Hartwig sich daran dumm und dusselig verdiente.

Aber die kommerziell abgefilmten Machwerke von Hartwig sind ja auch nicht mit den avantgardistischen Machwerken von Cemano zu vergleichen, der den menschlichen Körper als Kunstwerk ansah. Auch die vehemente Weigerung von Cemano, den Produzenten dass zu liefern was sie haben wollten, finde ich ziemlich bemerkenswert.

Zwei weitere Filmbesprechungen in dem Buch beschäftigen sich mit
Cafe Flesh" (1982; Stephen Sayadian) und Baise-Moi" (2000; Virginie Despentes).


CAFÉ FLESH - Leben und Lieben in Sexdystopia
In der Cafe Flesh" Analyse, die Martin Richling verfasst hat, geht es um eine Gesellschaft, die in einem bizarren Sexdystopia lebt. Auf der einen Seite leben die Sex-Positives, die sich ungestört den Freuden des Fleisches hingeben dürfen und auf der anderen Seiten die Sex-Negatives, die sich leider nicht an gegenseitiger Kopulation erfreuen können. Stattdessen dürfen sie in einem Theater mit neidischen Blicken zusehen, wie es die Oberschicht vor ihren Augen treibt. Und diese ganze Show wird von einem zynischen Moderator mit den Namen Max Melodramatic vorgestellt. Vergleiche mit Bob Fosse’s „Cabaret“ werden auch von Richling gezogen, wobei der namenlose Conferecier, dargestellt von Joel Grey, das absolute Gegenteil vom menschenfeindlichen Max Melodramatic ist.

Welcome to the Fucking Universe of Porn -
Über das pornografische Unbehagen in BAISE-MOI

In
Baise-Moi" geht es um zwei Frauen, die praktisch das Leben gefickt hat. Beim Anschauen des Films habe ich mich spontan an „Thelma und Louise“ erinnert. Jedoch ist die Gewalt in Baise-Moi" wesentlich expliziter und brutaler. Auf Seite 106 fragt die Autorin Julia Reifenberger in einer fetten Überschrift ob „Baise-Moi“ feministisch wäre und liefert dann gleich auch die Antwort dazu.

Die Frauen brechen aus dem gewohnten, patriarchalischen Machtverhältnis heraus, welches assymetrisch ist. Der weiblichen Gewalt fallen nicht die Täter zum Opfer, sonder der Mann per se. Insofern erfüllt
Baise-Moi" die Voraussetzungen für einen radikal-feministischen Film. Beide Filmbesprechungen fand ich sehr ausgewogen und gut recherchiert.

Wer fickt Uhura? -
Anmerkungen zum Rassismus (nicht nur) im Porno –
und ein Kuss
Ein weiterer Höhepunkt des Buches waren für mich die Anmerkungen von Oliver Demny über den Rassismus, der nicht nur im Porno vorherrscht. Aufmacher dazu ist der reißerische Titel Wer fickt Uhura?"

Trekkies dürfte Uhura aus der Raumschiff Enterprise Serie bekannt sein. Allerdings geht es hier um weit mehr als um die Serie. Demny erzählt nebenbei die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, vom ultra-rassistischen Klima, dass damals in den USA weite Teile des Landes dominierte.


Eine neue Erkenntnis gab mir auch der Auszug des Spiegel-Artikel von 1967, den Demny für seine Recherche verwendete. Von rollenden Panzern ist die Rede, von Hubschraubern die auf Dachluken und Simse feuerten; von Nationalgardisten, Polizisten und Fallschirmjägern, die Straßenzüge in Detroit von aufständischen Farbigen „säuberten“.

Zurück zu Star Trek. Am 22.11.1968 kam es zu dem ersten Filmkuss zwischen einer Schwarzen und einem Weißen: James T. Kirk küsste Lt. Nyota Penda Uhura (Raumschiff Enterprise,
„Platons Stiefkinder", 1968). Damals reichte dies für einen handfesten Skandal aus. Einige Sendeanstalten im Süden zensierten die Folge oder zeigten sie nicht.

Im Vorfeld gab es sowieso Ärger, weil NBC es nicht akzeptierte, dass eine schwarze Frau als Kommunikationsoffizier in einer SF-Serie auftrat. Die Darstellerin Nichelle Nichols wollte wegen den Diskussionen um ihre Person die Flinte ins Korn werfen. Nur der Bürgerrechtler Martin Luther King konnte sie zum Weitermachen anspornen.

Soweit die Geschichte zu dem Kuss. Aber hat Kirk mit Uhura gefickt? Diese Frage wird nicht eindeutig beantwortet. Zwar sieht man in Star Trek (XI) eine plumpe Annährung an die junge Uhura seitens Kirk, aber eine Kopulation zwischen beiden konnte ich nicht sehen. Demny geht dann elegant zu den Porno Produktionen von Hustler über, wo die Crewmitglieder diverse koitale Begegnungen der dritten Art haben. Remakes bekannter Filme sind in Kaliforniens Adult Industrie nichts Neues. Star Trek stellt damit keine Ausnahme dar. Auf Seite 69 bemerkt Demny, dass im großen Pornobuch von Seth-Graham-Smiths keine schwarzen Damen und Herren im Pantheon des Porno existieren. Auch in den Pornodokus wie
„9 to 5 - Days in Porn" existieren keine Farbigen, die ganze Szene ist „Weiß“.

Schwarze haben möglichst Klischees zu erfüllen. Bei Männern müssen es lange Geschlechtsteile sein und die Frauen dürfen ruhig üppig sein. Der Verdienst bei Pornodrehs wird auch angesprochen: Schwarze Frauen verdienen 500$ und weiße Darstellerinnen doppelt soviel. Ob diese Entlohung gerecht ist, sei mal dahingestellt. Aber es beantwortet doch die Frage des immer noch vorherrschenden Rassismus eindeutig.

Gewalt, Lust und Terror -
Pornografie und Gewalt im Kino der 1970er Jahre bis heute
Ein weiteres Highlight ist die Besprechung von Marcus Stiglegger auf Seite 87 des Buches. Der Beitrag hat den Titel „Gewalt, Lust und Terror“ und handelt von der Pornographie und Gewalt im Kino der 1970er Jahre bis heute. Stiglegger spannt einen weiten Bogen und erwähnt auf den ersten Seiten den historischen Background von Gewalt und Sexualiät. Dabei kommt auch der Hays-Code zur Sprache (für mich eine neue Erkenntnis), der gewisse Darstellungen auf dem Bildschirm verbot. Mit dem Fallen des Hays-Code 1967 in den USA fielen auch die Schranken für das Zeigen von expliziter Gewalt und Pornographie. Der Autor widmet sich den sogenannten „roughies“ (Exploitationfilme) des B-Kinos.

Die Schilderungen über die einzelnen Filme sind gut beschrieben und Stiglegger begnügt sich nicht nur auf den amerikanischen Raum. Es werden nicht nur Pornofilme erwähnt, es folgen auch Querverweise zu Mainstreamfilmen wie „The Hunting Party“. Über die Filme: „A Dirty Western“ und
„Forced Entry" wird sich ausführlich ausgelassen. Auch das Genre der Rape-Revenge Filme wird mit ein paar nicht expliziten Filmen erwähnt, wobei Herr Stiglegger m. E. die Perle aller Rape-Revenge Filme sträflich vergessen hat, nämlich Wes Cravens „The Last House on the left“ mit der berühmt berüchtigten brutalen Vergewaltigungsszene. Erwähnt wird jedoch „Ich spucke auf dein Grab" (1978; R: Meir Zachi).

Im nächsten Unterkapitel wird die Snuff Thematik behandelt, wobei hier das italienische Genre-Kino meiner Meinung nach den Hauptfokus verdient hätte. Stiglegger beschäftigt sich ausführlich mit den Black Emmanuelle Filmen mit Laura Gemser, die teilweise in Deutschland stark geschnitten auf den Markt kamen. In dem Zusammenhang hätte Stiglegger auch die Machwerke von Deodato und Lenzi nennen können, z. B. eine Erwähnung der Filme wie „Cannibal Holocaust“ und „Cannibal Ferox“. Wobei Deodatos „Cannibal Holocaust“ als fiktiv gedrehte Fake-Doku so ziemlich genau in das Schema passen dürfte. Genau wie bei dem zweiten Guniea-Pig Film schienen die Grausamkeiten in „Cannibal Holocaust“ so realistisch zu sein, dass Deodato sich vor Gericht verantworten musste.

Die von mir erwähnten Guinea-Filme erwähnt der Autor dann später auch als er auf die japanischen Terrorfilme zu sprechen kommt. Auch auf diesem Gebiet gibt es weitaus mehr bizarre Filme, die auf dem japanischen Markt erschienen sind. Als Nachtrag gibt es einen Schwenk auf den Balkan, ein Blick auf die serbische Filmszene, die mit den Produktionen „The Live and Death of a Pornogang“ (Zivot I smrt pornobande; R:Mladen Djordjevic) und
„A Serbian Film" (Srpski Film; Srdjan Spasojevic) für Aufsehen sorgte. Allerdings sorgt der letzte Film für viel Diskussionstoff in den Filmforen und auch hier wird das Machwerk von Spasojevic von Stiglegger gut analysiert.

Layout und Gestaltung

Das Buch hat ein klar lesbares Schriftbild, das Paperback liegt gut in der Hand. Das Buch ist in drei Hauptkapitel unterteilt:
Porno-Pioniere - Anfänge und Meilensteine des Pornofilms;
Tabuzonen in Nahaufnahme – Porno & Gesellschaft;
Die Avantgarde des Sex – Zeitgenössische Pornokunst.

Sehr positiv sind die Anmerkungen und Zitate, die hinter jedem Unterkapitel nachzulesen sind. Zahlreiche Schwarzweiß-Photos dokumentieren die Schilderungen der Autoren, wobei es sich größtenteils um Screenshots handelt. Die mangelhafte Qualität der Bilder wird im Impressum des Verlages entschuldigt. Der interessierte Leser erfährt am Ende des Buches in Form von kleinen Vorstellungstexten Interessantes über das Wirken und Schaffen der sechs Pornoregisseurinnen. Auf Seite 183 gibt es eine Kurzvorstellung der Autorinnen & Autoren und Ihrer Lieblingspornos. Und schließlich gibt es einen Index im hinteren Teil des Buches.

Fazit

Das Buch richtet sich an den interessierten Leser, der sich für erotische Produktionen außerhalb des normalen Genres interessiert. Die Autoren beweisen durch ihre fachkundigen Recherchen und Analysen eine sehr gute Kenntnis über die besprochenen Filme. Begeistert hat mich auch der spritzige Beitrag von
Christian Kessler über den Ostküsten Künstler Eduardo Cemano und seine experimentellen Pornoproduktionen. Ein weiterer Höhepunkt ist für mich die sehr gut recherchierte Rassismus Analyse des Soziologen Oliver Demny.

Bei der Lektüre dieses informativen Sachbuches konnte ich für mich persönlich neue Erkenntnisse und Sichtweisen in punkto subversivem Sex sammeln. Recht hilfreich fand ich auch die profunde Abhandlung über das italienische Exploitation-Kino von
Marcus Stiglegger.

Die einzige Enttäuschung empfand ich bei dem Beitrag
kinky.y" von Oliver Demny. Dort beschreibt er zwar ganz detailliert sadomasochistische Praktiken, die es auf einer kommerziellen SM-Seite im Internet zu sehen gibt. Aber mir fehlte der Bezug zum pornographischen Film. Da hätte man durchaus Radley Metzgers „The Image“ analysieren können.

Erfrischend auch die Erläuterungen von der französischen Pornoaktivistin Ovidie. Auch sehr interessant die Ausführungen der sechs Pornoregisseurinnen im Kapital:
„Die Avantgarde des Sex - Zeitgenössische Pornokunst".

Der inhaltliche Duktus des Buches ist aufgrund vieler Fachbegriffe sehr anspruchsvoll und erfordert meiner Meinung nach ein Basiswissen von philosophischen und soziologischern Termini. Ansonsten sticht es durch seine Vielseitigkeit der Themengebiete hervor und erfreut das Herz des pornophilen Rezipienten in jeder Hinsicht.

Zum Abschluss möchte ich noch bemerken, dass andere Bücher zu derselben Thematik durch ihre Einseitigkeit auffallen, was man diesem Buch absolut nicht vorwerfen kann, es ist daher: Sehr empfehlenswert.

Dem Bertz und Fischer Verlag
VIELEN DANK
für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Quelle: Bertz+Fischer Verlag, Berlin
http://www.bertz-fischer.de/sexundsubversion.html

Donnerstag, 27. Januar 2011

Sex und Subversion (3) - „Gewalt, Lust und Terror“ - Leseprobe von Marcus Stiglegger

REAL SEX MAINSTREAM präsentiert eine Leseprobe aus Sex und Subversion - Pornofilme jenseits des Mainstreams. Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers Marcus Stiglegger veröffentlichen wir den ersten Abschnitt seines Beitrages Gewalt, Lust und Terror. Wer alle Aspekte der Entwicklung von Pornografie und Gewalt im Kino der 1970er Jahre bis heute erfahren will, kann den vollständigen Beitrag des Autors in dem im Bertz+Fischer Verlag erschienen Band Deep Focus 11 ab Seite 87 nachlesen.

Sex und Subversion
Pornofilme jenseits des Mainstreams

Oliver Demny / Martin Richling (Hg.)
Sex und Subversion
Verlag Bertz+Fischer
Artikelnummer 978-3-86505-312-1
Preis 19,90 Euro

Marcus Siglegger ist Publizist, Filmwissenschaftler und Filmemacher. Er wurde 1999 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fach Filmwissenschaft mit der Studie Sadiconazista – Faschismus und Sexualität im Film promoviert und habilitierte sich 2006 mit Ritual und Verführung.
In seinem Beitrag Gewalt, Lust und Terror zeigt der Autor, dass der Spielfilm sowohl das Medium ist, in dem extreme Pornografisierungstendenzen reflektiert werden, als auch Plattform, die die Gewaltpornografie popularisiert.


Leseprobe

Gewalt, Lust und Terror -

Pornografie und Gewalt

im Kino der 1970er Jahre bis heute

von Marcus Stiglegger

Aggression, Gewalt und Sexualität begleiten die audiovisuellen Medien von ihren Anfängen. Waren explizite sexuelle Darstellungen zunächst auf die private Vorführung in den Hinterzimmern von Herrenclubs beschränkt, waren Nacktheit und Blutvergießen in der Zeit des Stummfilms auch in großen Hollywoodepen zu beobachten. Erst mit der Einführung des selbstauferlegten Zensursystems (des Hays-Codes) 1930 fielen diese Darstellungen unter ein Abbildungsverbot. Obwohl vor allem das europäische Kino gelegentliche Vorstöße wagte und regelmäßig Skandale verursachte, konnte sich die explizite Pornografie erst mit der Abschaffung des Hollywood-Codes 1967 und der Einführung des X-Zertifikats in den urbanen Kinos etablieren, eine Entwicklung, die den gesamten westlichen Distributionsraum betraf. Fortan wurden industriell erotische und pornografische Filme produziert – von Schweden über Frankreich, Deutschland bis in die USA. Und während in anderen Kinotraditionen (Japan, Mexiko) die enge Verflechtung sexueller und gewalttätiger Darstellung bereits in den 1960er Jahren üblich war, hielt diese Tendenz auch in den westlichen Pornofilm Einzug. Inspiriert von den sogenannten „roughies“, also brutalen Exploitationfilmen des B-Kinos, die nicht selten um Vergewaltigung, Sklaverei und Tortur kreisten, wurden bereits ab 1970 auch Hardcore-Filme gedreht, die mit den Mitteln des Hardcorefilms sexualisierte Gewaltakte auf die Leinwand brachten. Darunter waren Genrevarianten wie ‚A Dirty Western’ oder pornografische Thriller wie ‚Forced Entry’. Vergewaltigungsszenen waren im amerikanischen Hardcorefilm der 1970er Jahre bald ein Standard und tauchten auch als Beiwerk auf (Abel Ferraras ‚Nine Lives of a Wet Pussy’, Gail Palmers ‚Hot Summer in the City’).

VIELEN DANK,
Marcus,
für die freundliche Genehmigung
zur Veröffentlichung der Leseprobe!

Quelle: Bertz+Fischer Verlag, Berlin
http://www.bertz-fischer.de/sexundsubversion.html

Mittwoch, 26. Januar 2011

Sex und Subversion (2) - Pornofilme jenseits des Mainstreams - Bertz+Fischer Verlag 2010

Die Veröffentlichung des Bertz+Fischer Verlages aus der Reihe Deep Focus 11 mit dem Titel Sex und Subversion präsentiert anschauliches Material für die Lust des Denkens und gibt kreative Anregungen für die Möglichkeit des Kopfwichsens.
"Der Porno ist im Mainstream angekommen und der Mainstream wird pornoisiert. Es gibt gute, interessante, ästhetische, unterhaltsame, zum Nachdenken anregende Pornos! Wir wollen unseren Leserinnen und Lesern ein paar davon näher bringen und Lust auf ’s Hinschauen machen. Pornos sind umstritten. Vor negativen Folgen ihres Konsums wird gewarnt, ihre (positive) Ästhetik bestritten. Nun soll aber gerade filmischer Porno Schaulust bereiten, soll durch das Betrachten sexueller Aktionen der Darsteller und Darstellerinnen (ob Profis oder Amateure ist egal) der Körper des betrachtenden Subjekts in Erregung versetzt, soll angemacht, angetörnt werden (ob das zu masturbatorischen oder anderen sexuellen Aktionen führt oder nicht, wie es im betrachtenden Subjekt konnotiert, wie es theoretisiert wird, ist hier in diesem kurzen Moment an dieser Stelle dabei unerheblich: Porno soll den Körper erregen). Und, wissenschaftlich belegt, er vollführt das bei allen Geschlechtern. Wir wollen der Möglichkeit des Realwichsens die Möglichkeit des Kopfwichsens dazugeben und der Lust des Denkens Material liefern."
Oliver Demny in seinem Einführungsbeitrag Per Anhalter durch die Pornolandschaft

Sex und Subversion

Oliver Demny / Martin Richling (Hg.)
Sex und Subversion

Pornofilme jenseits des Mainstreams
Deep Focus 11
Verlag Bertz+Fischer

192 Seiten, 156 Fotos

Paperback, 14,8 x 21 cm

Artikelnummer 978-3-86505-312-1

Erschienen im Oktober 2010

Preis 19,90 Euro

Porno ist überall. Seit der Allgegenwart pornografischer Filme im Internet, auf Multimedia-Playern und Schülerhandys haben Kulturpessimisten und besorgte Pädagogen eine »Pornografisierung der Gesellschaft« ausgemacht, gar von einer »Generation Porno« ist die Rede. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass Pornografie stets billig, vulgär, frauenverachtend und ästhetisch minderwertig sei: Der Pornofilm ist nicht nur die kommerziell bedeutendste Filmgattung, sondern zugleich die am meisten verachtete. Allerdings bietet das Genre bei genauerem Hinsehen weit mehr, als das Gros seiner Produktionen vermuten lässt: Seit Beginn der Pornografie gibt es ihn, den anderen, den guten, den interessanten, den unterhaltsamen, den ästhetisch ansprechenden, gar den kritischen und subversiven Porno, der auf mehr als den Unterleib der ZuschauerInnen zielt und der die Grenzen zu Kunst und Spielfilm auf fantasievolle, ernste, humorvolle oder auch trashige Art überschreitet.

Die Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes beschreiben, huldigen, analysieren, bestaunen und sezieren Exemplare und Facetten dieser Spezies. Sie fahnden nach avantgardistischen Strömungen im Mainstream und nach neuen Moden des Genres. Sie nehmen dabei Diskussionen der Gender- und Porn-Studies auf und erörtern gesellschaftliche und kulturelle Verankerungen des pornografischen Films jenseits der Standardware.

Sex und Subversion
Pornofilme jenseits des Mainstreams

Inhalt

Per Anhalter durch die Pornolandschaft
7
Von Oliver Demny


Porno-Pioniere –
Anfänge und Meilensteine des Pornofilms

The Good Old Naughty Days?
23
Französische Pornos aus den Flegeljahren des Genres

Von Matthias Steinle

»Ich spielte einfach die Komödie mit ...«
31
Hans Billians JOSEFINE MUTZENBACHER –

WIE SIE WIRKLICH WAR als Literaturverfilmung

Von André Schwarz

»Heal Ze World!!!«
41
Die merkwürdigen Filme des Eduardo Cemano

Von Christian Keßler

CAFÉ FLESH
53
Leben und Lieben in Sexdystopia

Von Martin Richling


Tabuzonen in Nahaufnahme –
Porno & Gesellschaft
Wer fickt Uhura? 63
Anmerkungen zum Rassismus (nicht nur) im Porno – und ein Kuss

Von Oliver Demny

Kontaktmaschinen 73
Computer und Roboter im fiktionalen Pornofilm

Von Stefan Höltgen

Gewalt, Lust und Terror
87
Pornografie und Gewalt im Kino der 1970er Jahre bis heute

Von Marcus Stiglegger

Welcome to the Fucking Universe of Porn
104
Über das pornografi sche Unbehagen in BAISE-MOI

Von Julia Reifenberger

Kink.y
113
Abnormes als queere Chance
Von Oliver Demny


Die Avantgarde des Sex –
Zeitgenössische Porno-Kunst
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein
122
Wie die Französin Ovidie als Pornostartheoretikerin
und Sexualpädagogin für einen subversiven Porno kämpft

Von Waldemar Kesler

Pornografie als Provokation? 141
Der cineastische Mehrwert in Bruce LaBruce’ SKIN FLICK

Von Philipp Aubel

»Where the Vulgarity of Commerce
Meets the Commerce of Vulgarity«
153
Vier Vorschläge für eine neue Pornografie

Von Jochen Werner

Chicks with Guts
167
Sechs Pornoregisseurinnen im Gespräch


Über die Autorinnen und Autoren
183
Index
186

Inhaltsverzeichnis im PDF-Format
(250 KB):

http://www.bertz-fischer.de/sexundsubversion/pdf/sexundsubversion_inhalt.pdf


Die Herausgeber

Oliver Demny
, promovierter Soziologe mit den Arbeitsschwerpunkten (Anti)Rassismus, Sozialgeschichte und Sozialstrukturanalyse der USA, Visualität, Cultural Studies, Porn Studies, Auflösung von Zwangsbinaritäten. Desweiteren Filmfestorganisator von OpenEyes und Kampfsportler.

Martin Richling
, Studium der Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaften an der Phillipps-Universität in Marburg. Lebt und arbeitet zur Zeit als Filmjournalist, Rezensent, Lehrbeauftragter und Werbetexter in Berlin.

Quelle: Bertz+Fischer Verlag, Berlin
http://www.bertz-fischer.de/sexundsubversion.html

Sonntag, 23. Januar 2011

Aktueller TV-Tipp: Gefahr und Begierde (2007) im SWR

Aktueller TV-Hinweis: GEFAHR UND BEGIERDE (Lust, Caution 2007). In dem virtuosen Film von Ang Lee geht es um Sex mit dem Feind als der einzigen verständlichen Körpersprache.

 
 Tony Leung & Tang Wei vereint und eng umschlungen
beim expliziten Sex
in GEFAHR UND BEGIERDE (2007).

Aktueller TV - Hinweis


Gefahr und Begierde
 

mit
Tony Leung & Tang Wei


Montag, 24. Jan - 23:30 - 01:55 - SWR
Montag, 14. Feb - 23:00 - 01:25 - NDR

Wenn Obsession zur Liebe wird
In GEFAHR UND BEGIERDE (LUST, CAUTION 2007), dem virtuosen Film von Ang Lee, vergraben seine Figuren ihre Sehnsüchte - und Sex wird zur einzig möglichen Sprache. 

Sex mit dem Feind
Keine zärtlichen Blicke, keine scheuen Küsse. Liebe à la Ang Lee beginnt roh und direkt mit Sex. Mit einer Sexszene, die beinahe wie eine Vergewaltigung aussieht. Hardcore-Liebe. Die junge, verführerisch schöne Frau, Wang Jiazhi (Tang Wei), will den verschlossenen, melancholischen Mann, Herrn Yi (Tony Leung), küssen, er aber stößt sie aufs Bett, fesselt sie, würgt sie, und selbst beim Orgasmus behält er die Augen offen.


Die junge Studentin Wang Jiazhi (Tang Wei) versucht die Gunst 
des skrupellosen Regierungsbeamten Yi (Tony Leung) zu gewinnen.

Kollaborateur und Lockvogel-Partisanin
Herr Yi muss allezeit misstrauisch sein: Im Schanghai des Jahres 1942 ist er Geheimdienstchef der mit den japanischen Besatzern kollaborierenden Regierung. Er mag ahnen, dass die schöne Wang, die sich als Gattin eines wohlhabenden Geschäftmannes ausgibt, tatsächlich einer patriotischen Widerstandsgruppe zugehört und ihn in eine tödliche Falle locken soll.
Der verhasste Kollaborateur und die Lockvogel-Partisanin bei ihrem ersten intimen Zusammentreffen: eine Feindberührung, die im sadomasochistischen Ritual immer spürbar bleibt. Zugleich eine Eruption von Gefühlen, die die beiden dann doch einander näher bringen und sie ihren Welten, wenigstens ein Stück weit, entfremden wird. Eine Sexszene - weit entfernt von der "Koketterie mit dem Pornographischen", die man ihr vorgeworfen hat.


Brutaler, roher Sex ohne Zärtlichkeit.
 

Offenbarungen einer emotionalen Nacktheit
In GEFAHR UND BEGIERDE ist das verstörende Andere der Sex. Ihm nähert sich die Story (nach einer Kurzgeschichte von Eileen Chang) in ausschweifenden Erzählspiralen, während die Bilder alles in einen Retro-Film-Noir-Look einhüllen, wo schmiedeeiserne Gatter große Schatten werfen und jedes Detail als Kostbarkeit und Verheißung aufblitzt: der Lippenstiftabdruck auf dem Glas, der funkelnde Diamant, die verwegene Haarsträhne.


Die entfesselte Lust wird hemmungslos ausgelebt.

Femme fatale
In einer Rückblende wird erzählt, wie Wang, 1938 in Hongkong, als schüchterne Studentin zu einer Theatergruppe stößt und dort ihr schauspielerisches Talent entdeckt. Was ihr zum Verhängnis wird, als die Gruppe sich zur politisch-patriotischen Widerstandszelle wandelt und Wang als Lockvogel auf Herrn Yi ansetzt. Sie muss sich zur Femme fatale umdekorieren, einen verachteten Lebensstil einüben (was sie merkwürdig affiziert), entjungfert werden (um als bourgeoise Gattin glaubwürdig zu sein). Schließlich muss sie miterleben, wie ihre Genossen in einer brutal-dilettantischen Metzelei einen "Verräter" abschlachten. So verliert sie ihre Unschuld. Beim Sex mit dem Feind wird sie etwas davon zurückgewinnen.


Tony Leung & Tang Wei verschmelzen ihre Körper beim hemmungslosen Sex.

Körpersprache Sex
Denn der Sex wird plötzlich zur einzigen Sprache, in der sich Wang und Yi verständigen können. Zur Körpersprache, wie Ang Lee das nennt, die es möglich macht, die immerzu unterdrückten und verleugneten Gefühle zu buchstabieren. Die vieldiskutierten Sexszenen von GEFAHR UND BEGIERDE sind weniger "sexy" als vielmehr Offenbarungen einer emotionalen Nacktheit. Irgendwann darf Herr Yi es wagen, bei den Umarmungen die Augen zu schließen. Aber nur für einen Augenblick.

SE JIE - LUST, CAUTION, China/USA 2007 - 156 Minuten
Regie: Ang Lee.
Buch: James Schamus, Wang Hui-Ling.
Nach einer Shortstory von Eileen Chang.
Kamera: Rodrigo Priteto.
Schnitt: Tim Squyres.
Ausstattung: Pan Lai.
Musik: Alexandre Desplat.
Mit: Tony Leung, Joan Chen, Tang Wei, Anupam Kher, Wang Leehom, Chih-ying Chu. Tobis. 

Mittwoch, 19. Januar 2011

Masturbation im Film (4) - Interview mit Jan Soldat über seinen Kurzfilm ENDLICH URLAUB


Wie kann ich Sex zeigen? Was kann Sex bedeuten?
Wie sieht das im Film aus?
Was passiert wenn man das zeigt?
Für Jan Soldat sind solche Fragen beim Filmen
Ausdruck seiner existentiellen Suche nach Ehrlichkeit

REAL SEX MAINSTREAM sprach mit Jan Soldat über seine Kurzdoku ENDLICH URLAUB, die auf dem PornFilmFestival Berlin 2010 als bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde.
Beim Interview präsentierte sich der 26-jährige Student für Film- und Fernsehregie an der Hochschule „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg freundlich und aufgeschlossen und berichtete unkompliziert über seine Arbeitsweise. Seit 2006 hat er bereits 23 Kurzfilme als Regisseur produziert und bei weiteren 17 Filmen in anderen Tätigkeiten mitgewirkt. In seinen Kurzfilmen greift Jan Soldat die Themen auf, die ihn interessieren und faszinieren. Das Filmemachen ist für ihn Ausdruck seines existenziellen Strebens, die Wirklichkeit verdichtet abzubilden, interessante Charaktere darzustellen und menschliche Handlungen ungeschminkt zu zeigen.

Sex ist für Jan Soldat ein wichtiger Ausdruck zwischenmenschlicher Beziehung. Mit dem Thema hat er keine Berührungsängste, auch nicht beim Filmen expliziter Details. Er sieht im Sex ein geeignetes Mittel für sich selbst und für seine Filmfiguren, ihre Persönlichkeit darzustellen und ihren Charakter auszudrücken.
Masturbation - das Thema von ENDLICH URLAUB - ist für ihn kein Tabu, sondern gehört ganz natürlich zum Menschsein.

Erfrischend direkt sind die Antworten des Regie-Studenten, der gerade ins Hauptstudium gekommen ist. Seine filmische Erzählweise ist dokumentarisch, humorvoll, ironisch oder auch satirisch. Aber immer ist es ihm dabei wichtig, ganz einfach ehrlich zu sein, auch wenn es unangenehm nahe geht.

Interview mit Jan Soldat

Ich wollte einen Charakter
ausschließlich über Sexualität erzählen


Jan Soldat über sein Anliegen in ENDLICH URLAUB
eine Persönlichkeit und deren Beziehung zum Körper darzustellen

Jan, du hast im Oktober 2010 auf dem PornFilmFestival Berlin einen Preis für den besten Kurzfilm erhalten. War das dein erster Filmbeitrag auf einem PornFestival?
Einer von vier ersten Beiträgen.

Wie hießen die drei anderen Filme?
„rein/raus", „sandweg 80" und „geliebt".
Hast du den Film eigens für das PornFilmFestival produziert?
Nein, das war einfach so, zum Spaß und aus Interesse.

Ich mag es, beim Filmemachen mich selbst zu überraschen
und
vorher nicht zuviel zu zerdenken. -
Jan Soldat über seine Arbeitsweise

In ENDLICH URLAUB zeigst du einen Mann, der zu Hause masturbiert. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Da ich unbedingt Sex im Film darstellen wollte, habe ich mir auf diversen Sexcommunity-Seiten im Netz Profile eingerichtet und die Leute dazu aufgerufen mir zu schreiben, insofern sie bereit sind sich dabei filmen zu lassen. So hat sich Dieter bei mir gemeldet und gefragt, ob ich ihm beim wichsen, anpissen und Dildoaktion filme. Und das haben wir dann auch gemacht!

Stand von Anfang an fest, die Masturbation aus deiner männlichen Sichtweise als Regisseur auch mit einem männlichen Darsteller zu realisieren?

Bei diesem Projekt war es so, dass die Grundidee nicht von mir kam, sondern ich die des Protagonisten aufgenommen und verbildlicht und gelenkt habe.


R.P. Kahl fokussiert in der Schluss-Sequenz von BEDWAYS explizit die weibliche Masturbation. Hast du seinen Film zuvor gesehen?
Ja, habe ich, und ich finde diese Szene das Stärkste am ganzen Film. Wahnsinn. Man kann diese Filme natürlich in Kontext stellen, aber ausschlaggebend oder Vorbild war er für ENDLICH URLAUB nicht.

Ist es schwer, geeignete Darsteller zu finden, die sich beim Sex filmen lassen?
Bei ENDLICH URLAUB war es überhaupt nicht schwer, da es bei Dieter ein extremes Interesse gab. Bei anderen Kurzfilmen von mir habe ich allerdings schon mehrere Monate suchen müssen, bis sich jemand bereit erklärt hat.

Wie seid ihr beim Drehen der verschiedenen Wichs-Aktionen vorgegangen? Gab es eine Art Drehbuch?
Dieter hat, wie oben schon beschrieben, das Grundgerüst vorgegeben. Wir, Kamera und ich, haben uns nahezu beobachtend dokumentarisch dazu verhalten.

Was ist die Aussageabsicht deines Kurzfilms über die Selbstbefriedigung? Willst du einfach nur dokumentieren, willst du für Verständnis und Akzeptanz werben oder willst du vor allem provozieren und stimulieren?
Mein Anliegen war es innerhalb dieser drei Teile „wichsen-anpissen-dildo“ einen Charakter zu erzählen. Allein über Sexualität eine Persönlichkeit und deren Beziehung zu seinem Körper darzustellen.
Verständnis und Akzeptanz waren mir da egal. Dann hätte der Film ganz anders ausgesehen. Mir gings um ein Zeigen und Abbilden. Dass es provoziert und stimuliert, das passiert ohnehin bei jedem Zuschauer anders. Damit vorher zu arbeiten interessiert mich ehrlich gesagt gar nicht, da ich das sowieso nicht in seiner Wirkung komplett fassen kann.
Für die einen steht bei ENDLICH URLAUB Ekel und Provokation im Vordergrund, was ich ehrlich gesagt als sehr eng und stur empfinde. Für andere der Humor, die Arbeit mit pornografischen Bildern abseits vom Klischee-Porno. Dann wieder die Frage „Wie gehe ich mit mir um?“ „Für was kann Sexualität ein Ausdruck sein?“ usw. Ich mag es beim Filmemachen mich selbst zu überraschen und vorher nicht soviel zu zerdenken, das hat schon viele Filme von mir kaputt gemacht.

Wie war die Reaktion der Zuschauer beim PornFilmFestival? Gab es spontane Äußerungen?
Weitestgehend Lob und Anerkennung. Und was mich am meisten gefreut hat, dass die Leute den Witz verstanden haben und sogar schon im Abspann geklatscht haben. Ein paar wenige kamen zu mir und fragten was das soll und dass es eklig oder unangenehm wäre...

Mit dem Titel ENDLICH URLAUB verbindet man am allerwenigsten eine explizit gefilmte Selbstbefriedigung. Wolltest du die am meisten praktizierte sexuelle Handlung mit einer neuen Sichtweise deuten?
Warum ich mich letztendlich für den Titel entschieden habe war, weil es dem ganzen mehr Humor verleiht, es lockert auf. Es erweitert die Lust, das Schöne, den Ekel, das Absurde, die Arbeit, die damit verbunden ist usw.
Wenn ich über Ekel und Absurdes Rede, ist das nicht meine Meinung dazu. Damit will ich nur Sagen, dass Sexualität auch etwas Abstraktes, „weiredes“ hat. Wenn man ganz in Distanz, „ohne Gefühl“ drauf schaut und sich fragt, was macht der denn da? Dann ist das auch befremdlich, was wir Menschen da so machen. Wiederum ist es total faszinierend, schön, lustig usw.....

Stand der Titel ENDLICH URLAUB von Anfang an fest oder war er am Ende des Drehens die geniale Quintessenz?
Es war ein ewiges Hin und Her bis Dieter und ich endlich mal Zeit hatten. Entweder er konnte nicht wegen Arbeit oder ich nicht wegen Uni oder Arbeit. Dann hatte er jedoch ENDLICH URLAUB das wurde dann zum Drehmotto, und letztendlich Titel des Films.

Wichsen ist für mich kein Tabu.
Das gehört zum Mensch-Sein dazu.
Die Einsamkeit dabei, d.h. mit sich selbst Einig-Sein,
ist eines der höchsten zu erreichenden Zustände. -

Jan Soldat zum Thema Masturbation in ENDLICH URLAUB

In anderen Filmen von dir, z. B. MUTTER und SANDWEG 80, gibt es auch kurze Masturbationsszenen. Willst du das Do It Yourself damit aus der Tabuzone befreien?
Ehrlich gesagt ist das für mich kein Tabu. Das gehört zum Mensch-Sein dazu. Egal, ob ich gestern Sex mit Frau oder Mann hatte oder gerade single oder in 'ner Beziehung bin, wenn ich Bock habe mache ich es mir.
Und filmisch gesehen, sehe ich, dass es als Tabu behandelt wird. Lasse mich davon aber nicht beeinflussen. Weil was hieße das denn? Sparsamer verdeckter arbeiten? Keine Ahnung, ich hab da vorher nicht drüber nachgedacht. Ich geh beim Filmen immer nem Interesse und ner Faszination nach. Ich will gewisse Sachen sehen und wiederum Bilder aus mir heraus abfilmen. Wenn ich in der Masturbation überhaupt ein Tabu sehe, dann in Verbindung mit Einsamkeit. Beides, Einsamkeit und Masturbation, sind oft mit einem negativen Begriff der Einsamkeit besetzt.
Zweisamkeit ist dem entgegen meist positiv. Und das ist schade, dann die Einsamkeit ist meiner Meinung nach eines der höchsten im Leben zu erreichten Zustände. Das hat nichts mit Verlassen-Sein oder Allein-Sein zu tun. Sondern damit, mit sich selbst Einigsein. (dazu gehört natürlich, grundlegend existenziell, der Körper). Unabhängig fühlen, sich selbst genügen. Sich als Ganzes fühlen. Und dazu gehört natürlich die Sexualität, und die wird weitestgehend ausgeblendet. Da wird meiner Meinung nach Sex und Einsamkeit gesellschaftlich tabuisiert.

Du hast keine Berührungsängste echten Sex zu filmen, zum Beispiel in „rein/raus“. Was reizt dich an der Verfilmung expliziter sexueller Handlungen?

Ich hab es bei meinen Kurzfilmen oft falsch empfunden Sex als etwas Schönes zu zeigen. Sex sollte immer entromantisiert werden. Eine kühle Draufsicht. Dem hinzu immer ein Ausdruck für eine zwischenmenschliche Beziehung. Ein Mittel, filmisch für mich, und für die Figur im Film sich auszudrücken. Was nicht heißt, dass sich in dieser Draufsicht nichts Warmes oder Schönes befinden kann.
Am Beispiel von „rein/raus“ gings mir darum eine Mechanik bloßzustellen. Diesen Akt zu zerhacken. Den Kitsch und Romantische rauszuziehen und es roh und klar zu zeigen, wie Sex von außen aussehen kann. Denn innen und außen werden da im Film oft vertauscht, gleichgesetzt usw... Ich fand das so ehrlicher.
Aber der Clip spielt meiner Meinung nach auch damit, „wieviel darf ich sehen?“ „wieviel wird gezeigt“, „wie verhalte ich mich als Zuschauer dazu?“ Es geht mir dabei auch immer um das Bewusstsein darüber Gezeigt-Zu-Werden. In jedem der Kurzfilme wird klar, dass die Protagonisten das wollen. Dass sie sich bewusst darüber sind gesehen zu werden.
Mein generelles Interesse liegt aber an der Auseinandersetzung mit solchen Bildern. Wie kann ich Sex zeigen? Was kann Sex bedeuten? Generell, wie sieht das im Film aus? Was passiert wenn man das zeigt? Das ist für mich eine Erfahrung in dreierlei Hinsicht. Vorm Dreh der Gedanke und das Kennenlernen. Dann der Dreh, wie verhalte ich mich, als Mensch und in der Rolle des Regiesseurs, wie verhalten sich die Protagonisten, wie die Kamera zu dem Ganzen. Zuletzt, wie reagieren die Zuschauer?! Das zu erfahren macht riesigen Spaß.

Du wagst dich auch in Grenzbereiche, zum Beispiel wenn du in GELIEBT die Zuneigung zu Tieren (Zoophilie) thematisierst. Letztere Regiearbeit bescherte dir auf der Berlinale 2010 breite Aufmerksamkeit. Liebst du die filmische Gratwanderung?
So eine Frage entsteht immer erst beim Publikum, bei Kritikern. Selbst hatte ich die früher gar nicht. Ich kann nur sagen, es muss mich interessieren und ich muss es spannend finden. Mich muss es bewegen. Dann denk ich ganz naiv egozentrisch, dann wird das auch bei den anderen so sein.
Stimmt es, wie Filmbrunch vor einigen Jahren den Regie-Studenten Jan Soldat charakterisierte und bist du auch weiterhin „Auf der Suche nach dem EXTREM der Extreme“?
Ich find das ja alles gar nicht so extrem. Vielleicht ist „existenziell“ ein besseres Wort. Die Themen gehen irgendwie alle nahe, auch wenn die Reaktion Ekel oder Abwehr ist, berühren sie darin dennoch. Dazu muss man auch sagen, dass dieses Zitat eben wieder ne Reaktion von jemandem ist. Derjenige findet das extrem. Das heißt noch lange nicht, dass dem so ist. An was misst man denn sowas?
Ich denke, das vermeintlich „Extreme“ kommt bei meinen Filmen meistens daher, dass es unangenehm nah geht. Und dazu brauch ich keinen expliziten Sex oder ähnliches. Da reicht schon ganz einfach die Wahrheit zu sagen und ehrlich zu sein. Das haut die meisten ja schon raus, weil die meisten, mich leider noch oftmit einbegriffen, nicht einmal den Umgang damit gewohnt sind.

Welche Projekte hast du in Planung?
Als nächstes plane ich einen Film in dem ein Junge Wrestler werden will :-)

Und zum Thema Sex?
Zum Thema Sex erst mal nichts weiter, bis auf eine kleine Idee. Das habe ich mit meinem letzten Kurzfilm INTERIM weitestgehend filmisch abarbeiten können.

Um was geht es in INTERIM und steht schon fest, wann und wo der Film gezeigt wird?

Es geht um die Verwirrung einer jungen Mutter. Wiedermal generell der Umgang mit Einsamkeit und menschlicher Entleerung. Sexualität als letztes hilfloses Kommunikationsmittel mit sich selbst und den anderen. Als Ersatz für alles was man auf „normalem“ Wege nicht erhalten kann. Was letztendlich natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Ich schreib etwas abstrakt darüber, denn ich bin da auch einerseits noch distanziert zu dem Film, weil er mir irgendwie fremd geworden ist, andererseits bin ich zu nah, zu sehen, was er wirklich ist.
Ich hab' den jetzt auf sämtlichen Kurzfilm-Festivals eingereicht, mal schauen, ob der irgendwo gezeigt wird.

VIELEN DANK, JAN, FÜR DEIN INTERVIEW,
WEIERHIN ERFOLG BEIM STUDIUM
UND VIEL SPASS BEIM KREATIVEN FILMEMACHEN!

Der Titel ENDLICH URLAUB verleiht dem Film mehr Humor,
lockert auf,
erweitert die Lust, das Schöne, das Absurde.
Es ist total faszinierend, schön, lustig ... Jan Soldat
Einige ausgewählte Kurzfilme von Jan Soldat:

Sandweg 80 (2008), 6 Min:
http://www.youtube.com/watch?v=FdYVV2A9PRs


runter
(2007), 5 Min:
http://www.youtube.com/watch?v=kO4NUb0ADbc


Jan Soldat und Lydia Dykier am Berliner Hauptbahnhof
(2009) 5 Min:http://www.youtube.com/watch?v=LOXDP8Hc9jE

Kontakt mit Jan Soldat:
Wer mehr erfahren möchte, kann sich direkt mit dem Filmemacher in Verbindung setzten.
Email: Jan.Soldat@yahoo.de
Facebook:
http://www.facebook.com/people/Jan-Soldat/1627537947