Mittwoch, 19. Januar 2011

Masturbation im Film (4) - Interview mit Jan Soldat über seinen Kurzfilm ENDLICH URLAUB


Wie kann ich Sex zeigen? Was kann Sex bedeuten?
Wie sieht das im Film aus?
Was passiert wenn man das zeigt?
Für Jan Soldat sind solche Fragen beim Filmen
Ausdruck seiner existentiellen Suche nach Ehrlichkeit

REAL SEX MAINSTREAM sprach mit Jan Soldat über seine Kurzdoku ENDLICH URLAUB, die auf dem PornFilmFestival Berlin 2010 als bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde.
Beim Interview präsentierte sich der 26-jährige Student für Film- und Fernsehregie an der Hochschule „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg freundlich und aufgeschlossen und berichtete unkompliziert über seine Arbeitsweise. Seit 2006 hat er bereits 23 Kurzfilme als Regisseur produziert und bei weiteren 17 Filmen in anderen Tätigkeiten mitgewirkt. In seinen Kurzfilmen greift Jan Soldat die Themen auf, die ihn interessieren und faszinieren. Das Filmemachen ist für ihn Ausdruck seines existenziellen Strebens, die Wirklichkeit verdichtet abzubilden, interessante Charaktere darzustellen und menschliche Handlungen ungeschminkt zu zeigen.

Sex ist für Jan Soldat ein wichtiger Ausdruck zwischenmenschlicher Beziehung. Mit dem Thema hat er keine Berührungsängste, auch nicht beim Filmen expliziter Details. Er sieht im Sex ein geeignetes Mittel für sich selbst und für seine Filmfiguren, ihre Persönlichkeit darzustellen und ihren Charakter auszudrücken.
Masturbation - das Thema von ENDLICH URLAUB - ist für ihn kein Tabu, sondern gehört ganz natürlich zum Menschsein.

Erfrischend direkt sind die Antworten des Regie-Studenten, der gerade ins Hauptstudium gekommen ist. Seine filmische Erzählweise ist dokumentarisch, humorvoll, ironisch oder auch satirisch. Aber immer ist es ihm dabei wichtig, ganz einfach ehrlich zu sein, auch wenn es unangenehm nahe geht.

Interview mit Jan Soldat

Ich wollte einen Charakter
ausschließlich über Sexualität erzählen


Jan Soldat über sein Anliegen in ENDLICH URLAUB
eine Persönlichkeit und deren Beziehung zum Körper darzustellen

Jan, du hast im Oktober 2010 auf dem PornFilmFestival Berlin einen Preis für den besten Kurzfilm erhalten. War das dein erster Filmbeitrag auf einem PornFestival?
Einer von vier ersten Beiträgen.

Wie hießen die drei anderen Filme?
„rein/raus", „sandweg 80" und „geliebt".
Hast du den Film eigens für das PornFilmFestival produziert?
Nein, das war einfach so, zum Spaß und aus Interesse.

Ich mag es, beim Filmemachen mich selbst zu überraschen
und
vorher nicht zuviel zu zerdenken. -
Jan Soldat über seine Arbeitsweise

In ENDLICH URLAUB zeigst du einen Mann, der zu Hause masturbiert. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Da ich unbedingt Sex im Film darstellen wollte, habe ich mir auf diversen Sexcommunity-Seiten im Netz Profile eingerichtet und die Leute dazu aufgerufen mir zu schreiben, insofern sie bereit sind sich dabei filmen zu lassen. So hat sich Dieter bei mir gemeldet und gefragt, ob ich ihm beim wichsen, anpissen und Dildoaktion filme. Und das haben wir dann auch gemacht!

Stand von Anfang an fest, die Masturbation aus deiner männlichen Sichtweise als Regisseur auch mit einem männlichen Darsteller zu realisieren?

Bei diesem Projekt war es so, dass die Grundidee nicht von mir kam, sondern ich die des Protagonisten aufgenommen und verbildlicht und gelenkt habe.


R.P. Kahl fokussiert in der Schluss-Sequenz von BEDWAYS explizit die weibliche Masturbation. Hast du seinen Film zuvor gesehen?
Ja, habe ich, und ich finde diese Szene das Stärkste am ganzen Film. Wahnsinn. Man kann diese Filme natürlich in Kontext stellen, aber ausschlaggebend oder Vorbild war er für ENDLICH URLAUB nicht.

Ist es schwer, geeignete Darsteller zu finden, die sich beim Sex filmen lassen?
Bei ENDLICH URLAUB war es überhaupt nicht schwer, da es bei Dieter ein extremes Interesse gab. Bei anderen Kurzfilmen von mir habe ich allerdings schon mehrere Monate suchen müssen, bis sich jemand bereit erklärt hat.

Wie seid ihr beim Drehen der verschiedenen Wichs-Aktionen vorgegangen? Gab es eine Art Drehbuch?
Dieter hat, wie oben schon beschrieben, das Grundgerüst vorgegeben. Wir, Kamera und ich, haben uns nahezu beobachtend dokumentarisch dazu verhalten.

Was ist die Aussageabsicht deines Kurzfilms über die Selbstbefriedigung? Willst du einfach nur dokumentieren, willst du für Verständnis und Akzeptanz werben oder willst du vor allem provozieren und stimulieren?
Mein Anliegen war es innerhalb dieser drei Teile „wichsen-anpissen-dildo“ einen Charakter zu erzählen. Allein über Sexualität eine Persönlichkeit und deren Beziehung zu seinem Körper darzustellen.
Verständnis und Akzeptanz waren mir da egal. Dann hätte der Film ganz anders ausgesehen. Mir gings um ein Zeigen und Abbilden. Dass es provoziert und stimuliert, das passiert ohnehin bei jedem Zuschauer anders. Damit vorher zu arbeiten interessiert mich ehrlich gesagt gar nicht, da ich das sowieso nicht in seiner Wirkung komplett fassen kann.
Für die einen steht bei ENDLICH URLAUB Ekel und Provokation im Vordergrund, was ich ehrlich gesagt als sehr eng und stur empfinde. Für andere der Humor, die Arbeit mit pornografischen Bildern abseits vom Klischee-Porno. Dann wieder die Frage „Wie gehe ich mit mir um?“ „Für was kann Sexualität ein Ausdruck sein?“ usw. Ich mag es beim Filmemachen mich selbst zu überraschen und vorher nicht soviel zu zerdenken, das hat schon viele Filme von mir kaputt gemacht.

Wie war die Reaktion der Zuschauer beim PornFilmFestival? Gab es spontane Äußerungen?
Weitestgehend Lob und Anerkennung. Und was mich am meisten gefreut hat, dass die Leute den Witz verstanden haben und sogar schon im Abspann geklatscht haben. Ein paar wenige kamen zu mir und fragten was das soll und dass es eklig oder unangenehm wäre...

Mit dem Titel ENDLICH URLAUB verbindet man am allerwenigsten eine explizit gefilmte Selbstbefriedigung. Wolltest du die am meisten praktizierte sexuelle Handlung mit einer neuen Sichtweise deuten?
Warum ich mich letztendlich für den Titel entschieden habe war, weil es dem ganzen mehr Humor verleiht, es lockert auf. Es erweitert die Lust, das Schöne, den Ekel, das Absurde, die Arbeit, die damit verbunden ist usw.
Wenn ich über Ekel und Absurdes Rede, ist das nicht meine Meinung dazu. Damit will ich nur Sagen, dass Sexualität auch etwas Abstraktes, „weiredes“ hat. Wenn man ganz in Distanz, „ohne Gefühl“ drauf schaut und sich fragt, was macht der denn da? Dann ist das auch befremdlich, was wir Menschen da so machen. Wiederum ist es total faszinierend, schön, lustig usw.....

Stand der Titel ENDLICH URLAUB von Anfang an fest oder war er am Ende des Drehens die geniale Quintessenz?
Es war ein ewiges Hin und Her bis Dieter und ich endlich mal Zeit hatten. Entweder er konnte nicht wegen Arbeit oder ich nicht wegen Uni oder Arbeit. Dann hatte er jedoch ENDLICH URLAUB das wurde dann zum Drehmotto, und letztendlich Titel des Films.

Wichsen ist für mich kein Tabu.
Das gehört zum Mensch-Sein dazu.
Die Einsamkeit dabei, d.h. mit sich selbst Einig-Sein,
ist eines der höchsten zu erreichenden Zustände. -

Jan Soldat zum Thema Masturbation in ENDLICH URLAUB

In anderen Filmen von dir, z. B. MUTTER und SANDWEG 80, gibt es auch kurze Masturbationsszenen. Willst du das Do It Yourself damit aus der Tabuzone befreien?
Ehrlich gesagt ist das für mich kein Tabu. Das gehört zum Mensch-Sein dazu. Egal, ob ich gestern Sex mit Frau oder Mann hatte oder gerade single oder in 'ner Beziehung bin, wenn ich Bock habe mache ich es mir.
Und filmisch gesehen, sehe ich, dass es als Tabu behandelt wird. Lasse mich davon aber nicht beeinflussen. Weil was hieße das denn? Sparsamer verdeckter arbeiten? Keine Ahnung, ich hab da vorher nicht drüber nachgedacht. Ich geh beim Filmen immer nem Interesse und ner Faszination nach. Ich will gewisse Sachen sehen und wiederum Bilder aus mir heraus abfilmen. Wenn ich in der Masturbation überhaupt ein Tabu sehe, dann in Verbindung mit Einsamkeit. Beides, Einsamkeit und Masturbation, sind oft mit einem negativen Begriff der Einsamkeit besetzt.
Zweisamkeit ist dem entgegen meist positiv. Und das ist schade, dann die Einsamkeit ist meiner Meinung nach eines der höchsten im Leben zu erreichten Zustände. Das hat nichts mit Verlassen-Sein oder Allein-Sein zu tun. Sondern damit, mit sich selbst Einigsein. (dazu gehört natürlich, grundlegend existenziell, der Körper). Unabhängig fühlen, sich selbst genügen. Sich als Ganzes fühlen. Und dazu gehört natürlich die Sexualität, und die wird weitestgehend ausgeblendet. Da wird meiner Meinung nach Sex und Einsamkeit gesellschaftlich tabuisiert.

Du hast keine Berührungsängste echten Sex zu filmen, zum Beispiel in „rein/raus“. Was reizt dich an der Verfilmung expliziter sexueller Handlungen?

Ich hab es bei meinen Kurzfilmen oft falsch empfunden Sex als etwas Schönes zu zeigen. Sex sollte immer entromantisiert werden. Eine kühle Draufsicht. Dem hinzu immer ein Ausdruck für eine zwischenmenschliche Beziehung. Ein Mittel, filmisch für mich, und für die Figur im Film sich auszudrücken. Was nicht heißt, dass sich in dieser Draufsicht nichts Warmes oder Schönes befinden kann.
Am Beispiel von „rein/raus“ gings mir darum eine Mechanik bloßzustellen. Diesen Akt zu zerhacken. Den Kitsch und Romantische rauszuziehen und es roh und klar zu zeigen, wie Sex von außen aussehen kann. Denn innen und außen werden da im Film oft vertauscht, gleichgesetzt usw... Ich fand das so ehrlicher.
Aber der Clip spielt meiner Meinung nach auch damit, „wieviel darf ich sehen?“ „wieviel wird gezeigt“, „wie verhalte ich mich als Zuschauer dazu?“ Es geht mir dabei auch immer um das Bewusstsein darüber Gezeigt-Zu-Werden. In jedem der Kurzfilme wird klar, dass die Protagonisten das wollen. Dass sie sich bewusst darüber sind gesehen zu werden.
Mein generelles Interesse liegt aber an der Auseinandersetzung mit solchen Bildern. Wie kann ich Sex zeigen? Was kann Sex bedeuten? Generell, wie sieht das im Film aus? Was passiert wenn man das zeigt? Das ist für mich eine Erfahrung in dreierlei Hinsicht. Vorm Dreh der Gedanke und das Kennenlernen. Dann der Dreh, wie verhalte ich mich, als Mensch und in der Rolle des Regiesseurs, wie verhalten sich die Protagonisten, wie die Kamera zu dem Ganzen. Zuletzt, wie reagieren die Zuschauer?! Das zu erfahren macht riesigen Spaß.

Du wagst dich auch in Grenzbereiche, zum Beispiel wenn du in GELIEBT die Zuneigung zu Tieren (Zoophilie) thematisierst. Letztere Regiearbeit bescherte dir auf der Berlinale 2010 breite Aufmerksamkeit. Liebst du die filmische Gratwanderung?
So eine Frage entsteht immer erst beim Publikum, bei Kritikern. Selbst hatte ich die früher gar nicht. Ich kann nur sagen, es muss mich interessieren und ich muss es spannend finden. Mich muss es bewegen. Dann denk ich ganz naiv egozentrisch, dann wird das auch bei den anderen so sein.
Stimmt es, wie Filmbrunch vor einigen Jahren den Regie-Studenten Jan Soldat charakterisierte und bist du auch weiterhin „Auf der Suche nach dem EXTREM der Extreme“?
Ich find das ja alles gar nicht so extrem. Vielleicht ist „existenziell“ ein besseres Wort. Die Themen gehen irgendwie alle nahe, auch wenn die Reaktion Ekel oder Abwehr ist, berühren sie darin dennoch. Dazu muss man auch sagen, dass dieses Zitat eben wieder ne Reaktion von jemandem ist. Derjenige findet das extrem. Das heißt noch lange nicht, dass dem so ist. An was misst man denn sowas?
Ich denke, das vermeintlich „Extreme“ kommt bei meinen Filmen meistens daher, dass es unangenehm nah geht. Und dazu brauch ich keinen expliziten Sex oder ähnliches. Da reicht schon ganz einfach die Wahrheit zu sagen und ehrlich zu sein. Das haut die meisten ja schon raus, weil die meisten, mich leider noch oftmit einbegriffen, nicht einmal den Umgang damit gewohnt sind.

Welche Projekte hast du in Planung?
Als nächstes plane ich einen Film in dem ein Junge Wrestler werden will :-)

Und zum Thema Sex?
Zum Thema Sex erst mal nichts weiter, bis auf eine kleine Idee. Das habe ich mit meinem letzten Kurzfilm INTERIM weitestgehend filmisch abarbeiten können.

Um was geht es in INTERIM und steht schon fest, wann und wo der Film gezeigt wird?

Es geht um die Verwirrung einer jungen Mutter. Wiedermal generell der Umgang mit Einsamkeit und menschlicher Entleerung. Sexualität als letztes hilfloses Kommunikationsmittel mit sich selbst und den anderen. Als Ersatz für alles was man auf „normalem“ Wege nicht erhalten kann. Was letztendlich natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Ich schreib etwas abstrakt darüber, denn ich bin da auch einerseits noch distanziert zu dem Film, weil er mir irgendwie fremd geworden ist, andererseits bin ich zu nah, zu sehen, was er wirklich ist.
Ich hab' den jetzt auf sämtlichen Kurzfilm-Festivals eingereicht, mal schauen, ob der irgendwo gezeigt wird.

VIELEN DANK, JAN, FÜR DEIN INTERVIEW,
WEIERHIN ERFOLG BEIM STUDIUM
UND VIEL SPASS BEIM KREATIVEN FILMEMACHEN!

Der Titel ENDLICH URLAUB verleiht dem Film mehr Humor,
lockert auf,
erweitert die Lust, das Schöne, das Absurde.
Es ist total faszinierend, schön, lustig ... Jan Soldat
Einige ausgewählte Kurzfilme von Jan Soldat:

Sandweg 80 (2008), 6 Min:
http://www.youtube.com/watch?v=FdYVV2A9PRs


runter
(2007), 5 Min:
http://www.youtube.com/watch?v=kO4NUb0ADbc


Jan Soldat und Lydia Dykier am Berliner Hauptbahnhof
(2009) 5 Min:http://www.youtube.com/watch?v=LOXDP8Hc9jE

Kontakt mit Jan Soldat:
Wer mehr erfahren möchte, kann sich direkt mit dem Filmemacher in Verbindung setzten.
Email: Jan.Soldat@yahoo.de
Facebook:
http://www.facebook.com/people/Jan-Soldat/1627537947

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