Mittwoch, 27. April 2011

BEDWAYS (2010) - Das Gesetz des Fleisches dominiert die Liebe - Review von Count Lacoste

Kann man expliziten Sex filmen und dabei die Liebe zeigen? Oder deutlicher gefragt: Sind Schauspieler in der Lage vor laufender Kamera echten Sex authentisch miteinander zu zelebrieren und im realen Akt der körperlichen Vereinigung die Liebe als tragenden Grund und sinngebende Kraft ihrer intimen Lust und Leidenschaft darzustellen? 

Können Schauspieler echten Sex vor der Kamera sinnlich erleben?
Lana Cooper (Marie) & Matthias Faust (Hans) sind zum Experimentieren bereit.


PROBEAUFNAHMEN
Diese fast schon philosophische Fragestellung lässt bereits ahnen, dass die Antwort darauf nicht einfach zu finden ist. Autor und Regisseur RP Kahl ist mutig und beherzt der Frage nachgegangen. Er lässt in seinem Film im Film Experiment seine drei Protagonisten Miriam Mayet, Lana Cooper und Mathias Faust nach einer überzeugenden Antwort suchen. Das Filmteam trifft sich zu PROBEAUFNAHMEN, um das Verhältnis von Liebe und Sex im Leben auszuloten. Die versierten Zuschauer ahnen schon, dass ein solch wagemutiges Filmprojekt fast unausweichlich zum Scheitern verurteilt ist. RP Kahls BEDWAYS überzeugt als Milieustudie. Darin enthüllt er schonungslos, dass in einer beziehungsgestörten Gesellschaft die Lösung von Problemen und die Gestaltung des Lebens nicht kollektiv oder im Zusammenwirken erzwungen werden kann. Vielmehr muss jeder Einzelne sie kreativ und intensiv in sich selbst suchen.


BEDWAYS

mit Miriam Mayet,
Lana Cooper,
Matthias Faust

Buch und Regie: R.P. Kahl



BERLIN IS THE SHELTER,
LOVE IS IMPOSSIBLE,
FLESH IS THE LAW


BERLIN IS THE SHELTER -
Nina (Miriam Mayet) lauscht dem Sound von Sissimetal

Originaltitel: BEDWAYS
Erscheinungsjahr: 2010
Regie: R.P.Kahl
Darsteller: Miriam Mayet, Lana Cooper, Matthias Faust, Laura Tonke, Arno Frisch, Moritz Ross

DVD und Blu-ray: Koch Media
Filmlänge: ca, 76 Minuten
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Extras: Trailer, Interview, Musikvideo "Flesh is the Law"
FSK: ab 16
Im Handel: seit März 2011

Probeaufnahmen für einen Sexperimentalfilm: 
Lana Cooper als Marie & Matthias Faust als Hans


BEDWAYS -

 Das Gesetz des Fleisches dominiert die Liebe   

Eine Review von Count Lacoste


Inhalt BEDWAYS
Nina, eine junge Filmemacherin, trifft sich mit Hans und Marie in einem heruntergekommenen Appartement im Großstadtdschungel Berlin. Nina möchte einen Film über die Liebe drehen, die explizite Sexszenen beinhalten. Zunächst geht es nur um Probeaufnahmen, doch nach und nach verschwimmen Realität und Film ineinander. Nina versucht die Kreativität der Schauspieler zu wecken, indem sie sie in die Geschehnisse mit einbindet. Doch all die Mühen erweisen sich als fruchtlos, denn das Projekt scheitert am Ende.

Bereit für Probeaufnahmen ohne Konzept:
Laura Tonke als Luise, Moritz Ross als Georg,

Miriam Mayet als Nina, Matthias Faust als Hans



Meinung

BEDWAYS im Reich von Mangogul
Im Abspann von BEDWAYS erscheint ein Zitat von Michel Focault:
„Wir alle leben seit Jahren im Reiche des Fürsten Mangogul: Beute einer ungeheuren Neugier auf Sex, versessen darauf, ihn auszufragen, unersättlich darin, in sprechen zu hören, geschickt im Erfinden all der magischen Ringe, die seine Diskretion bezwingen können.“1
Focault bezieht sich auf den Roman „Die indiskreten Kleinode“, welcher sein Landsmann Denis Diderot im Jahre 1748 verfasst hatte. Die ganze Geschichte spielt sich im fiktiven Sultanat Kongo ab. Der Herrscher ist der Fürst Mangogul (Ludwig XV), der dort mit seiner Favoritin Mirzoza (Madame de Pompadour) lebt. Der Fürst erhält vom Geist Cucufa einen magischen Ring, der in der Lage ist, die weiblichen Geschlechtsteile (Schmuckstücke) zum Reden zu bringen. Mangogul probiert diesen magischen Ring gleich an mehrerer Gespielinnen aus. Seine Lieblingsmätresse Mirzoza erkennt die Gefahr, die von der Magie dieses Ringes ausgeht und überzeugt ihren Liebhaber, den Ring an den Geist zurück zu geben.

Das Machwerk Diderots ist eine ätzende Satire über den Versailler Hof, und kritisiert die immense Genuss– und Verschwendungssucht des französischen Königs und seines dekadenten Hofstaates.

Regisseurin Nina (Miriam Mayet) versucht ihren Protagonisten
Hans (Matthias Faust) und Marie (Lana Cooper) zu motivieren

Und genau das leitet auch Nina an, die einen Film über zwischenmenschlichen Beziehungen drehen möchte. Sie möchte die Mysterien der Liebe verstehen und mit der Kamera live festhalten. Es existiert kein Skript, keine Struktur und der Titel des Films steht auch noch nicht fest.
Der Film ist in sieben Kapitel aufgeteilt, jedes Kapitel ist ein Tag. Die Filmfortschritte werden in den Kapiteln dokumentiert. Nina lässt ihre Darsteller im Ungewissen über ihre Intention, weil sie es selber nicht genau weiß. Mit jedem Tag wächst die Unsicherheit von Marie, während Hans (der Nina schon vorher kannte) sich emotional an Nina bindet. Als Marie die beiden in einer spielerischen Balgerei erwischt, reagiert diese mit unverhohlener Aggression. Der folgende Dialog im Film bringt dies symptomatisch zum Ausdruck:

Diskussion über die geplante explizite Fickszene:
Nina (Miriam Mayet)
und Hans (Matthias Faust)

Dialog über die Fickszene
Marie mit verkniffenen Gesichtsausdruck sagt zu Nina gewandt: „Lass uns doch mal spielen!“
Hans im Hintergrund: „Wassen los?“
Sie wendet sich an Hans und entgegnet: „Du stinkst nach Rauch.“
Hans: „Nee, ich mein nicht mich.“
Marie setzt sich auf einen Stuhl und fragt an Nina und Hans gewandt: “Worum geht es hier eigentlich?“
Nina: „Das kann ich dir nicht sagen, das probieren wir doch gerade in der Szene.“
Marie: „Nur Ficken zeigen?“
Nina: „Wir haben doch darüber gesprochen. Wie du wirklich bist, interessiert mich nicht.“
Marie: „Du willst aber schon sehen, wie wir miteinander schlafen.“
Nina: “Ja… ist doch der Sinn des Films. Alles andere wäre eine vertane Chance.“
Marie wendet sich an Hans, der vor dem Fenster steht: „Sagst du auch mal was?“
Hans: „Mein Problem ist nur, ob ich in dem Moment ein Ständer kriege."
Marie leise: „Arschloch“
Sie steht auf und geht und verlässt den Raum.

LOVE IS IMPOSSIBLE -
Hans (Matthias Faust) und Marie (Lana Cooper)
agieren in Probeaufnahmen als Versuchskaninchen

Der Code der Liebe
Im Interview welches R.P.Kahl mit seiner Hauptdarstellerin Miriam Mayet (Nina) führt, erklärt er, dass sich drei Menschen in dieser Wohnung treffen und die Regisseurin ihre Protagonisten als Versuchskaninchen sieht. Es geht dabei gar nicht um das Drehen eines Filmes, sondern eher wie ein Wissenschaftler versucht den Code der Liebe zu entschlüsseln. Der Film ist zum Scheitern verurteilt, weil Nina keine wirkliche Struktur an den Tag legt, kein Ziel vor Augen hat. Sie bezeichnet es als Abenteuer ohne Ausgang und lehnt am Ende sogar die Finanzierung des Films durch den Produzenten Max ab. Am sechsten Tag kommt laut R.P.Kahl die wichtigste Szene zum Zug: Die überaus lange Masturbationsszene. Hans befindet sich in einem anderem Raum. Beide haben ein Handy in der Hand und kommunizieren ihre Empfindungen dabei. Es gibt zwei Bildschirme wo beide sich jeweils sehen können.

Beeindruckende Schlüsselszene in BEDWAYS:
Nina (Miriam Mayet) masturbiert exzessiv

Im Literaturportal Versalia fragt der Rezensent Jürgen Weber den Leser: „Ist dieser Film eine Zukunftsvision oder eine bittere Aufnahme des Istzustandes?“2
Diese spezielle Szene ist keine düstere Zukunftsvision. Es ist in der Tat eine bittere Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft, die mehr Gefallen an virtuellen Cybersex in Chatforen und Masturbation über Cam findet. Wie ein Chirurg in der Notaufnahme seziert R.P.Kahl das gespaltene Gefühlsleben seiner Protagonisten. Die kühl distanzierten Aufnahmen und das kalte Neonlicht unterstreichen den morbiden Charme der verfallenen Location in Berlin. Dazu angepasst sind auch die über weite Strecken hölzernen Dialoge. Die Regisseurin im Film im Film Projekt setzt zwar auf die Improvisation ihrer Darsteller und versucht auch die kreativen Kräfte ihrer Darsteller zu wecken, doch diese münden in kein Ergebnis.

Inszenierte Experimente mit Liebe und Sex -
Hans (Matthias Faust) und Marie (Lana Cooper)

In zahlreichen Kritiken zu BEDWAYS, die ich gelesen habe, bemängeln einige Rezensenten die Leere des Films und die Konzeptionslosigkeit. Aber gerade dieses wichtige Faktum macht diesen Film so interessant. Während andere sich auf die expliziten Sexszenen in Bedways fokussieren, blicken andere Schreiber hinter die Mauer und entdecken dabei die Trostlosigkeit. Als Verstärker dieser Untergangsstimmung wirken dabei auch die desperaten Songs von My Park und Sissimetall.
Hier wird dem Zuschauer demonstrativ ein Spiegel vorgehalten, eine Momentaufnahme über das kaputte Gefühlsleben unserer modernen Industriegesellschaft: Flesh is the Law!

Marie (Lana Cooper) und Nina (Miriam Mayet) agieren,
während Hans (Matthias Faust) die beiden filmt.

Delikates Blut
Ziemlich skurill fand ich ich die Vampirlesbenszene zwischen Nina und Marie, wo Nina genüsslich einen blutenden Fuß ableckt. Es hat mich spontan an Harry Kümmels „Blut an den Lippen“ erinnert, wo die Gräfin Elsbeth Bathory in einem belgischen Hotel in Ostende residiert und sich am Blut junger Frauen labt.

Fazit
BEDWAYS ist eine kleine, feine Indieproduktion. Durchaus lobenswert ist auch der fabelhaft zusammengestellte Soundtrack zu erwähnen, der den Arthousecharakter dieses Dramas noch unterstreicht. Im Film ist auch die beeindruckende Liveperfomance der Band „Sissimetal“ zu sehen.
Wie der Regisseur selber erwähnt, inspirierten ihn so berühmte Filmemacher wie Zulawski, Godard und Bertolucci.
Ich verstehe BEDWAYS als gelungene Hommage an Bergmann, Bertolucci und Nagisa Oshima.

FLESH IS THE LAW -
Marie (Lana Cooper) tanzt zum Sound von Sissimetal

Anmerkungen:
No.1 - Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit, Suhrkamp; 1983, Seite 93.
No.2 - Versalia Literaturportal; Jürgen Weber; 17.02.2011.

RP Kahl und dem Label Koch Media
VIELEN DANK
für die Bereitstellung der Rezensions-DVD!

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